Kreuzwege 3

Staub stieg auf und das Donnern der Hufen zog an ihm vorbei. Die Gespanne rasten zur Seite driftend um die enge Kurve. Peitschen knallten und die drängenden kurzen Rufe der Wagenlenker erschallten, als sie ihre Pferde zu mehr Tempo in der Geraden trieben. Cyrus lehnte über der steinernen Brüstung der Loge der Aficionados. Die Wettscheine raschelten in seiner Hand, als er sie mit dem Daumen hin und her schob. Das Rennen interessierte ihn nicht besonders. Er hatte die Scheine aus Gewohnheit ausgefüllt und beim Buchmacher bezahlt. In der Loge befanden sich nur wenige Leute. An diesem Nachmittag gab es nur Rennen der Pferdeställe aus der Umgebung. Für sie waren es Trainingsläufe und in der Arena waren vor allem, wenn man so will, professionelle Spieler, die die Konstitution der Pferde begutachtete und natürlich pflichtgemäß ihre Wetten platzierten. Erst am Abend, wenn der Jahrestag des Austritts Hammerfells aus dem Weißgoldkonkordat mit einem Fackelzug gefeiert werden sollte, würde auch das Volk mit seinem Hang zu großen Tumulten anwesend sein. Es war nun nicht gerade eine ernste Atmosphäre, aber als ruhig und konzentriert konnte man es schon beschreiben.

Martha lehnte sich neben Cyrus gleichfalls auf die Brüstung und tippte ihn mit ihrem spitzen Schwanz zur Begrüßung an die Wade. Die perlmuttartige, gemusterte Haut ihrer schlanken Arme schimmerte im gleißenden Licht der Nachmittagssonne. Das gelbe Kleid floss an ihrem athletischen Körper herab bis zu den Knöcheln. Sie schaute hinab in die Arena und nippte an ihrem Kelch mit Wein.

„Der neue Hengst von Domus wird ein Renner“, lies sie beiläufig fallen. Sie hatte eine gutturale Stimme, es passte gut zu ihr. Sie war sehr von sich überzeugt.

Cyrus neigte seinen Kopf und betrachtete ihren Kamm aus spitzer Hornhaut, der weit oben an ihrer Stirn begann und sich bis über den Nacken legte. Sie hatte goldene Ringe auf jeden Zacken gesteckt und sie knallrot gefärbt. Er war erstaunt, dass das überhaupt so einfach möglich war. Aber es sah gut aus. Ihre fremdartige Eleganz faszinierte ihn.

„Nah, noch ist er nur ein Feger, ein Strohfeuer“, er lächelte und schaute wieder in die Arena.

„Heute Abend schon was vor mein Lieber?“ Martha gluckste und strich wieder mit ihrem Schwanz über Cyrus Bein.

Er überlegte, ob sie nicht schon ein Zuviel hatte, vielleicht auch die Sonne, ganz sicher war er sich da nicht. Sie kannten sich schon geraume Zeit und trafen sich immer wieder mal, nur normaler Weise bestand Martha immer auf das volle Programm mit Einladung und zum Essen ausführen, und Wein auf den Terassen, eine Bootsfahrt auf dem Unteren See mit Lampinions und so weiter.

Doch weiter kam er nicht. Ein Bote trat an ihn heran und überreichte ihm einen gefalteten Zettel. Cyrus richtete sich auf, nahm die Notiz entgegen und entlohnte den Mann, den er selber losgeschickt hatte. Dann öffnete er das Papier und las. Sehr ungewöhnlich, dachte er. Warum in der letzten Stunde und warum in der vierten Linie in den Kanälen?

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