Kreuzwege 66

Zanodar hatte kein Gefühl dafür wie spät es war. Die Zelle tief in den Eingeweiden der Kanalisation besaß kein Fenster, nur schmutziggraue Wände, etwas stinkendes Stroh auf dem Boden und eine engmaschige Gittertür. Sie war so nachgerüstet worden, dass man das Schloss auf keinen Fall von innen erreichen konnte. Diebe wussten halt, was mit einem eingeschmuggelten oder selbst gebastelten Dietrich möglich war. Jeder Versuch hier auszubrechen war zum Scheitern verurteilt. Zanodar hatte das schnell erkannt und hockte nun ziemlich frustriert mitten in der Zelle.

Welcher Daedroth hatte ihn auch geritten, ausgerechnet im Versteck der Gilde nach einem Hehler zu suchen? Er hätte sich doch denken können, dass die Dinge von damals noch nicht vergessen waren. Am meisten regte ihn dabei die Höhe der Summe auf. Es war ein Vielfaches dessen, was damals in der Arenakasse gewesen war. Nur die betrügerischen Rechenspiele eines gewissenlosen Wucherers konnten sie dermaßen in die Höhe treiben.

Doch im Grunde war auch das egal. Er hatte das Gold längst nicht mehr und würde es auch nie bekommen.

Die Zeit rann dahin. Niemand ließ sich sehen. Zanodar schätzte, dass draußen bereits tiefste Nacht sein musste, allein deshalb weil er inzwischen ordentlich Hunger und Durst verspürte. Seit dem frühen Morgen hatte er nichts zu sich genommen. Müde war er auch. Also lehnte er sich gegen die Wand, um nicht auf dem dreckigen Stroh liegen zu müssen, schloss die Augen und döste so vor sich hin.

Schritte.

Zanodar schrak auf.

Jemand kam.

Der Schlüssel wurde leise im Schloss gedreht, die Tür öffnete sich und zwei Rothwardonen betraten die Zelle. Zanodar kannte sie nicht, was nicht verwunderlich war. Die Gilde hatte Jahre Zeit gehabt, neue Mitglieder zu rekrutieren.

„Komm raus!“, herrschte ihn der vordere an, „Und keine Tricks!“

Zanodar hob beschwichtigend die Hände während er aufstand. „Dieser beeilt sich. Dieser kommt freiwillig mit, ja. Diesen hält nichts in dieser hochkomfortablen Herberge.“

„Halt einfach die Klappe und komm mit!“

Ein gezückter Dolch überzeugte Zanodar davon, genau das zu tun.

Wortlos liefen sie durch schier endlose Tunnel. Er hatte längst den Versuch aufgegeben zu raten, wo genau sie sich befanden. Elinhir war unterirdisch mindestens genauso groß wie oben, und man munkelte, dass sich die Kanalisation vor allem im Bereich der Türme über mehrere Ebenen tief hinab ins Innere Tamriels erstreckte. Richtig überprüft hatte das vermutlich noch niemand. ‚Wäre das nicht eine Idee für diesen Magier?‘, überlegte Zanodar, während er weiter durch feuchte Gänge stolperte. Hatte nicht Iareth etwas von einer Expedition erwähnt? Er war sich nicht ganz sicher, worum es dabei gegangen war. ‚Wenn sie uns jetzt über den Weg laufen würden, wäre das wirklich nicht schlecht‘, dachte er weiter und stieß gegen den Rothwardonen, der vor ihm plötzlich stehen geblieben war. Sofort spürte er auch den Dolch wieder im Nacken.

„Warte!“

Zanodar stand stocksteif da. Er starrte auf die vergitterte Öffnung ein paar Schritte weiter vorn, durch die das Licht des anbrechenden Morgens schimmerte. Der Dieb öffnete die Tür darin und winkte ihm dann wieder zu folgen.

Hinter ein paar Felsen kam die Straße in Sicht, die von Elinhir in die Drachenschwanzberge führte. Hier ließen ihn seine beiden Bewacher anhalten.

„Was nun, Jungs?“, fragte er mit aufkeimender Hoffnung. „Ihr lasst diesen jetzt laufen, ja?“

Die beiden grinsten nur, streckten ihm ihre Dolche gut sichtbar entgegen.

„Das wäre aber gegen die Regeln“, wagte er einen neuen Versuch.

Der Wortführer spuckte ihm vor die Füße. „Regeln? Die gelten nicht für Abschaum wie dich! Sprich ein letztes Gebet zu deinen Göttern, Verräter!“

Das wars dann wohl.

Zanodar griff nach Kirashis Amulett. Nun würde er wohl niemals nach Elsweyr gelangen, um für sie den uralten Mondtempel zu finden. Nun …

„Aaahrrg!“

Er schrak auf und sah gerade noch, wie einer seiner Bewacher mit weit aufgerissenen Augen zusammenbrach. Der andere wirbelte herum. Beide starrten auf den Riesenskorpion, der völlig unerwartet hinter ihnen aufgetaucht war. Dann wurde es ernst. Der Rothwardone zog unter seinem Umhang ein Schwert hervor. Todesmutig stürmte er auf die Bestie zu. Zanodar dagegen fand das total dämlich. Auch er rannte los, allerdings in die entgegengesetzte Richtung. Er hörte nicht auf die wütenden Schreie und das Klappern gigantischer Scheren. So schnell er konnte hetzte er der Straße entgegen und hoffte dabei nur, dass der Skorpion an den beiden Dieben genug zu fressen fand um das Interesse an ihm selbst zu verlieren.

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