Kreuzwege 21

Die billige Kerze rußte stark, ihr flackernder Schein kämpfte mühsam gegen die Dunkelheit an, die sich, vom Hafen kommend, mehr und mehr in der winzigen Kammer hinter der Taverne ausbreitete. Vom Hafen kam auch der Nebel, klamm und kalt. Er füllte den Hof und fand seinen Weg durch die breiten Risse der Holztür, ließ den schwachen Lichtkegel noch mehr in sich zusammenschrumpfen. Er brachte Gerüche mit von brackigem Wasser und verwesendem Fisch, von scharfem Schnaps und süßlichem Skooma. Doch er dämpfte auch die Geräusche, welche normalerweise aus der Taverne ins Hinterhaus drangen: das Grölen betrunkener Matrosen, das aufgesetzte Kichern der Dirnen, …

So war es still.

Still und dunkel.

Das schmale Bett im Schein der Kerze füllte die kleine Kammer zur Hälfte aus. Die weitere Einrichtung bestand aus übervollen Regalen, Kleiderhaken an den Wänden und einem winzigen Schrein, der der Himmelsgöttin Khenarthi geweiht war. Die Blumen darauf waren verwelkt. Niemand hatte in den letzten Tagen die Zeit gefunden, sich darum zu kümmern, oder die Kraft dafür besessen.

Eine Truhe stand neben dem Kopfende des Bettes. Alt und abgenutzt diente sie auch als einzige Sitzgelegenheit. Heute jedoch fand sich darauf eine Schüssel, deren Wasser braunrot eingetrübt war. Zwei Heiltrankfläschchen, lange geleert und nutzlos lagen neben blutgetränkten Tüchern und einem halbvollen Wasserbecher. Auch dieser wurde nun nicht mehr gebraucht.

Vor dem Bett kniete Zanodar. Immer noch hielt er die langsam erkaltende Hand seiner Schwester Kirashi fest umklammert, sah in ihr jetzt friedlich entspanntes Gesicht, das auch ein paar Blutreste am Kinn nicht zu entstellen vermochten. Kirashi hatte ihren letzten Kampf geführt und verloren. So wie Shen’do, Tahana und MaSusa. Nun war Zanodar der letzte der Wurfgeschwister.

Er seufzte.

Sie hatten es nie leicht gehabt. Als Kinder von Bandaarihändlern waren sie in Himmelsrand aufgewachsen, bis sie zwischen die Fronten rivalisierender Kriegstrupps gerieten. Es folgten Jahre des Hungers und der Flucht. Sie verließen Himmelsrand, wo „solche wie sie“ niemand haben wollte und wanderten quer durch Hammerfell. Zu dritt erreichten sie schließlich Hegathe, die beiden kleinsten hatten es nicht geschafft.

Hier besserte sich ihre Situation kurzzeitig. Shen’do, der außergewöhnlich magisch begabt war, schaffte sogar die Aufnahme in die Magiergilde und konnte so für sich und seine Geschwister eine kleine Wohnung unterhalten. Doch leider verging die gute Zeit viel zu schnell. Als Shen’do bei einem fehlgeschlagenen Experiment ums Leben kam, hatte es die Gilde sehr eilig, sich als „Entschädigung“ diese Wohnung unter den Nagel zu reißen, anstatt zu versuchen, die Schuldfrage des Unfalls zu klären. Den khajiitischen Adepten für alles verantwortlich zu machen, war ja so viel einfacher.

In der Folge schlugen sich die beiden alleine durch. Während Kirashi in der Küche der Hafenschenke aushalf und die Wäsche der Huren wusch, machte Zanodar von seinen weniger legalen Talenten Gebrauch. Besonders an den Markttagen herrschte im Hafengebiet oft dichtes Gedränge. Es wurde geschupst und gedrängelt, um zu den besten Preisen kaufen oder verkaufen zu können. Dabei kam schon mal der eine oder andere Geldbeutel abhanden, manchmal auch ein hübsch verzierter Dolch oder die Kette einer Dame der privilegierteren Bewohner Hegathes. Nur beim Weiterverkauf dieser Fundsachen ließ sich Zanodar jedesmal übers Ohr hauen. Der Hehler brauchte nur anfangen, von seiner eigenen hungrigen Kinderschar zu erzählen, schon siegte sein gutes Herz, und er überließ ihm die Ware weit unter dem Wert.

Auf diese Weise zu etwas zu kommen, war natürlich unmöglich. Doch sie hielten zusammen, bewahrten sich ihren Lebensmut und ihr freundliches Wesen. Bis Kirashi vor acht Monden krank wurde…

Zanodar erhob sich. Behutsam faltete er Kirashis Hände über ihrem Bauch, nahm das Mondamulett, das sie seit ihrer Kindheit getragen hatte, an sich und hängte es sich um den Hals.


Khi khajaali dena silla’a ari’i roliter.
Kiz jer raj’kono krin an zha’ja etofa
an dov’kono saa nezal ransej.
Ahziss sajse jer zedrokasash.
Ahziss wadith dat,
ba thzi ba Khenarthi zatayse ahziss.


Geh zu den Sanden hinter den Sternen geliebte Schwester.
Mögest du dort immer lachen und tanzen
und niemals mehr Schmerz verspüren.
Dieser wird deinen letzten Wunsch erfüllen.
Dieser verspricht es,
so wahr Khenarthi diesem helfen wird.

Nach einem letzten Blick auf seine Schwester verließ ein kleiner Feuerzauber Zanodars Hand, fuhr in das Stroh der Matratze und setzte sie in Brand. Zanodar drehte sich um und verließ die Hütte. Es war ihm egal, ob das Feuer auf die Taverne übergreifen oder gleich ganz Hegathe einäschern würde. Die Stadt hatte ihm kein Glück gebracht. Nun lag ein weiter Weg vor ihm, ein Weg nach Osten. Zanodar tauchte in den Nebel ein und ließ die Vergangenheit hinter sich.

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