Kreuzwege 24

So sehr Zanodar auch an seiner Wasserflasche saugte, so sinnlos war die Aktion. Wo es kein Wasser mehr gab, konnte keines herauskommen. Er atmete tief durch, verkorkte sie sorgsam, um keinen Sand hereinzulassen, und befestigte sie wieder am Gürtel.

‚Dann eben nicht!‘, dachte er leicht frustriert.

So schlimm war es ja nicht, denn Elinhir, die Stadt der hohen Türme, lag nur noch einen Hundesprung vor ihm. Dort würde es Wasser geben.

Die Sonne war längst hinter den Bergen versunken, als Zanodar das offenstehende Tor durchschritt. Noch war es nicht ganz dunkel. Dafür sorgte auch eine Unmenge an Fackeln, die die breite Hauptstraße zum großen Markt säumten. Er sah sich um. Viel schien sich nicht verändert zu haben, seit er vor langer Zeit von Himmelsrand kommend die Stadt durchquert hatte. Die uralten Türme sahen wie eh und je auf die Ansammlung von Häusern unterschiedlicher Größe und Baustile herab. Und doch lag heute etwas Besonderes in der Luft. Die Straßen und Plätze waren so belebt, wie sonst nur zur besten Marktzeit. Kein einziger Bewohner Elinhirs schien in seinem Haus geblieben zu sein, alle tummelten sich draußen, liefen mit Fackeln herum, standen schwatzend in Gruppen zusammen oder belagerten die Tavernen.

‚Nicht schlecht‘, dachte er sich. ‚Mit etwas Glück gibt es heute Wein statt Wasser.‘

Zanodar verließ die Hauptstraße und wandte sich nach rechts, um an der Stadtmauer entlang in Richtung der kleineren Handwerksmärkte vorzudringen. Die Straßen, durch die er jetzt kam, waren weit weniger belebt, obwohl auch hier noch viele Leute unterwegs waren. Es gab auch weniger Licht. Immer wieder konnte er in den Schatten abtauchen. Einige einzelne Spaziergänger ließ er unbeachtet vorbei. Zanodar war vorsichtig. Sich gleich auf den erstbesten Geldbeutel zu stürzen wäre stümperhaft gewesen, eines khajiitischen Diebes nicht würdig. Nein, zuerst einmal musste er einen sicheren Rückzugsort finden, falls das Opfer aufmerksamer war als gedacht.

Ein paar Schritte weiter hatte er ihn. Dunkel und einladend zugleich tauchte am Eingang einer kleinen Seitengasse ein Regenwassereinlauf vor ihm auf. Das sonst übliche Schutzgitter fehlte, und er war groß genug, Zanodar durchzulassen. Hier ging es direkt in die Kanalisation.

Wieder ein Stück weiter begann bereits die Oberstadt. Der kleine Markt vor ihm bot vor allem Duftstoffe, Seifen, Öle und viele andere Artikel, die in den Bädern der Reichen nicht fehlen durften. Etwa die Hälfte der Stände hatte sogar noch geöffnet, da die Händler wohl auf einen Extragewinn zu Ehren des Festtages hofften. Zanodar beobachtete die Leute dabei, wie sie an Tiegeln mit wohlriechenden Salben schnüffelten oder sich Duftwasser auf die Handgelenke tröpfelten, um dann überschwenglich die Qualität der probierten Mixturen zu loben … oder auch nicht.

Zwei äußerst wohlgenährte Damen in gewagter Abendgarderobe – Zanodar drängte sich das Bild eines in bunte Bettlaken gestopften Horkers auf – waren besonders eifrig beim Testen. Sie wurden von einem älteren Herrn mit Halbglatze begleitet, der etwas hinter ihnen stand und sichtlich genervt wirkte. Vermutlich würde er zum Schluss den ganzen Berg bereitgestellter Fläschchen und Döschen bezahlen müssen. Bevor es so weit war handelte Zanodar. Unauffällig wie ein zufälliger Spaziergänger näherte er sich dem Stand bis auf wenige Schritte. Ein geschickt geworfenes Steinchen traf eine der Flaschen, die sofort zerbrach und ihren Inhalt über den Ladentisch ergoss. Die beiden Damen sprangen aufkreischend zur Seite, um nicht von den Spritzern getroffen zu werden. Das heißt, sie versuchten es. Eine stieß mit ihrem Begleiter zusammen und riss ihn um. Die andere krachte gegen die Auslage, an die sich der Händler von der anderen Seite krampfhaft festkrallte, um seine Waren zu schützen. Schon war Zanodar heran, beugte sich zu der Gestürzten hinab um ihr aufzuhelfen, während der ältere Herr bereits von selbst wieder auf die Beine kam und ihm den Rücken zudrehte. Zanodars ausgestreckte Hand wurde allerdings nicht angenommen. „Iiih, der hat Flöhe!“, kreischte die Dame, wobei sie mit entsetzt aufgerissenen Augen rückwärts robbte. Ihr Held wandte sich sofort zu ihr um. „Aber nicht doch, Lady Salima, ich bin hier. Lasst mich euch aufhelfen!“ Dabei schob er Zanodar beiseite und zischte ihm zu: „Verschwindet, Flohpelz! Wagt es nicht den Ladys zu nahe zu kommen!“

Zanodar zeigte sich zutiefst beeindruckt von der Tapferkeit dieses Edelmannes und trat unter ein paar leichten Verbeugungen den Rückzug an.

Ein paar Straßen weiter warf er einen Blick in den prall gefüllten Geldbeutel. Das hatte sich gelohnt.

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