Schatzjäger 38

Iareth schwankte auf der Stelle. Die Anspannung zuckte wie Strom durch seinen Körper und Sagits panische Stimme hatte ihm einen ordentlichen Schrecken versetzt. Er streckte eine Hand aus, packte Sagit vor der Brust und zog ihn grob zurück. „Sei Still!“ zischte er. Er behielt den Oger im Blick und mit ganz langsamer Bewegung hakte er seinen Säbel vom Rücken. Die Klinge noch nicht gezogen trat er einen Schritt vor, wobei er darauf achtete nicht in die Reichweite der beiden gigantischen Fäuste zu geraten.

„Kein Spaß, Ogrim!“ rief er dem Oger zu. Der abrupt mit dem Grinsen aufhörte und seine kleinen Augen zu Schlitzen verengte.

„Mauloch geht jetzt raus. Raus aus der Höhle! Geh raus spielen, du dümmster Freund Malacaths!“

Der Oger reagierte höchst beunruhigend. Verunsichert schwankte sein Kopf hin und her, er richtete sich halb auf und ließ Iareth dabei nicht aus dem Blick, grunzte missvergnügt, gab ein kehliges Geräusch von sich, dass irgendwo zwischen Elch und Kleinkind lag. „Nich Bappo!“ rief er dann offenbar hin und her gerissen zwischen Furcht und Zorn und steigerte sich noch in seiner Lautstärke. „Nich Bappo!“ Die Höhlenwände antworteten mit einem geisterhaften Singsang „Appo, Appo, Appo…“ Iareth war sich sicher, dass man es im ganzen Tal hören musste. Er rechnete jeden Moment mit einem Angriff. Der Oger richtete sich auf und stieß sich den Kopf an der Decke, wovon er noch zorniger wurde. Vor Iareth türmte sich jetzt ein drei Meter großer Berg aus Muskel und Dummheit. Der enge Gang hatte den Vorteil, dass sich der Oger nicht richtig bewegen konnte, allerdings bot es auch Iareth sehr wenig Platz zum Ausweichen. Iareth hörte hinter sich wie Sagit sich bewegte. Er hoffte inständig er würde sich verstecken, oder wenigsten außer Reichweite gehen.

Der Oger bewegte sich Vorwärts. Iareth reagierte. Statt seinem natürlichen Impuls zu folgen und zurück zu weichen stieß er nach vorn. Die Augen des Oger weiteten sich und er begann wie ein Elefant zu toben. Iareth duckte sich unter seiner Pranke weg und machte einen gewaltigen Satz, er rollte sich ab und glitt zwischen den riesigen Füßen des Oger hindurch. Er war schon beinahe in Sicherheit, da traf ihn ein Fuß des Oger mit der Wucht eines Dachbalkens. Iareth verlor das Gleichgewicht und stürzte. Um ein Haar hätte er sein Schwert fallen lassen. Nun gab es kein zurück, zwischen ihm und dem Höhleneingang stand der Oger und tobte. Er rappelte sich auf und zog sich in Windeseile an einem Felsvorsprung empor, der ihn wieder außer Reichweite des Oger brachte. Der Oger hatte sich mittlerweile Umgedreht und war ganz offenbar in Rage über das freche Eindringen in sein Hoheitsgebiet. Er holte zum Schlag aus.

Iareth sprang ab und zog in der gleichen Bewegung den Säbel aus der Scheide. Die Hand des Oger krachte wie ein Mühlstein auf die Stelle an der er eben noch gestanden hatte. Der Säbel blitzte, dunkles Blut spritzte und benetzte Iareths Brust und Gesicht. Der Oger heulte vor Schmerz. Wie eine Schlange kauerte Iareth am Boden, den Säbel im Anschlag und den Blick starr auf den Oger gerichtet, dessen massiver Arm von einem tiefen Schnitt versehrt war. Die andere Hand des Ogers schoss vor, doch Iareth hatte es kommen sehen. Er warf sich zurück und die Finger des Oger griffen ins Leere. Er ließ den Säbel herum schnellen und schnitt glatt in den Handrücken seines Gegners. Iareth kam sich vor wie eine Katze, die einen Bären auf Distanz hielt und ihm graute vor dem Moment wo der Oger seine ganze Kraft und Masse einsetzen würde. Der Oger brüllte und versetzte sich in endgültige, geistlose Rage. Seine Arme schwangen herum und krachten gegen die Höhlenwände, sein Maul war aufgerissen und entblößte seine fauligen Zähne und sein kleinen Augen rollten wie wahnsinnig. Iareth blieb nun kein Raum mehr, um nach hinten auszuweichen. Er konnte dem Koloss noch so viele Schnitte versetzen, der Oger brauchte nur einmal zu treffen. Er ließ seine Schwertscheide fallen, die er die ganze Zeit in der Linken gehalten hatte und versuchte eine Lücke in den wild um sich schlagenden Armen des Unwesens zu entdecken. Die Pranken sausten wiederum herab, diesmal beide, doch Iareth war erneut unter ihnen hinweg getaucht und versetzte der blanken Seite des Riesen einen Hieb. Er wartete nicht ab wie der Oger reagieren würde sondern schoss an seinen Beinen entlang und hackte ihm in die Kniekehle. Das Linke Bein des Oger sackte ein und sein massiger Körper wirbelte herum. Seine erste Pranke verfehlte Iareth knapp, die zweite traf und warf ihn glatt zu Boden. Zum Glück war es der verwundete Arm und kein gezielter Schlag und dennoch blieb Iareth die Luft weg als er aufschlug. Mit einer flüssigen Bewegung sprang er wieder auf die Beine und endlich war der Kopf des Oger in Reichweite. Er sprang vor und zog ihm den Säbel über die hässliche Fratze. Das Geheul war ohrenbetäubend. Eine Hand auf sein Gesicht gepresst versuchte er Iareth blind mit der anderen Hand zu haschen. Iareth nahm beide Hände an den Säbel, hob ihn über den Kopf und ließ ihn mit aller Kraft zwischen Hals und Schulter seines Gegners niedergehen. Das Geheul wurde zu Gegurgel und danach folgte bleierne Stille. Der Körper des Oger glitt zur Seite und Krachte wie ein gefällter Baum zu Boden. Iareth brachte schnell einige Meter zwischen sich und den Riesen und blieb mit erhobener Klinge stehen, doch der massige Körper regte sich nicht mehr.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.