Schatzjäger 89

Der alte Wagen hatte riesige Räder aus stabilem Buchenholz. Die Felgen waren eisenbeschlagen und die Speichen kunstvoll gedrechselt. Die Radachsen hingen in starken Blattfedern, die recht steif waren, um große Lasten aufzunehmen. Das war auch nötig, denn der Wagen war eigentlich ein komplettes Haus auf Rädern. So komplett, das es sogar Fensterläden und Blumenbänke davor hatte. Hinten  an der Eingangstür hing gar eine Glocke, die während der Fahrt still gelegt wurde, aber die dazu diente, das Gäste ihr Kommen ankündigen konnten. So wie es sich für ganz normale Häuser gehörte. Das Haus war vor nicht allzu langer Zeit grün gestrichenaHHH worden und die Besitzer hatten in ihrer liebevollen Tüchtigkeit auch, und zwar mit kunstvollem Strich, Szenen aus dem Landleben überall auf die freien Flächen gemalt. Insbesondere alles was mit Kräutern zu tun hatte. Also Gärten, Trockenkammern, Wald und Wiesen, alchemistische Utensilien und dergleichen. Unter dem Dachrand auf beiden Längsseiten prangte in großen schnörkeligen Buchstaben: Familie Otutweys Kräuterbude. Auf dem Kutschbock hockten ein alter Mann und ein zotteliger Hund. Ihre Köpfe hingen in Zweisamkeit herab. Sie schienen ein eingestimmtes Paar zu sein. Jeder konnte sich auf den anderen verlassen, auch beim dösen. Der Wagen fuhr heran und als der alte Klepper, der für die gemütliche Fortbewegung verantwortlich war, aufgrund der Hindernisse auf der Straße, in Form von waffenstarrenden Banditen, händeerhobener Geiseln und eines blutenden Mannes, abrupt innehielt, wachten beide Kutscher auf und schauten sich interessiert um.

„Mir scheint wir sind in eine angespannte Situation geraten Bello“, sagte der Alte mit heller und krächzender Stimme. Der Hund stimmte mit einem dumpfen Laut zu.

„Was ist das?“, rief der Mann aufgeregt aus, nachdem er vollends die Lage des tödlich Verletzten erkannte, „Ja will ihm denn keiner helfen? Was seid ihr nur für herzlose Gesellen!“

Er sprang vom Bock und rannte kurzkeulig wie er war zum sterbenden Mann mit dem offenen Bauch. In dem Augenblick schwang am Wagen ein Fensterladen auf und der graulockige Kopf einer alten Frau lehnte sich heraus. Kurzsichtig schaute sie sich um und meckerte mit beeindruckender Stimme: „Orebro! Wie oft willst du denn noch pinkeln? Zum Frühstück gibt’s kein Bier mehr! Dass das klar ist du alter Suffkopp!“

„Weib! Weib! Bring Tücher! Und Weißer Kobold Tinktur! Oh Weib!“, klagte der Alte mit sich überschlagender Stimme. Er sprang drei mal um den Verletzten herum und kniete sich dann neben ihn. Auch der Hund kam an getrottet und schnüffelte mit seiner feuchten Nase im Gesicht des Verletzten herum.

„Sieh da! Zwanzig Fuß Gedärme! Wer hat dir das angetan mein Junge? Ich fürcht‘ es ist vorbei für dich. Meine stärkste Tinktur wird da nicht helfen.“

Er bettete den Mann zur Seite und legte seinen Kopf auf den Schoß.

„Armer Junge! Den Göttern nicht zum Gefallen hast du gelebt. Auf der Straße musstest du verrecken.“

Entgegen des Inhaltes hatte der Alte mit tröstender Stimme gesprochen. Der Verletzte lächelte mit glasigem Blick, als er sein Leben aushauchte. Die knollige Hand des Alten verschloss seine Augen und legte den Kopf auf dem Boden ab, um selber aufstehen zu können. Inzwischen war auch die Alte angerannt gekommen. Sie zerrte ihrem Mann am Ärmel.

„Komm alter Zausel! Bist du blind! Schau wo du uns reingeführt hast! Komm! Lass ihn!“ Mit aller Macht versuchte sie ihn zum Wagen zurück zu ziehen.

Doch der Alte riss sich los und stiefelte zu Hassan herüber, der am Planwagen stand.

„Schämen sollst du dich! Bedrohst Reisende und läßt deine Leute im Schotter krepieren!“, schimpfte er los, „Was bist du für ein Anführer? Hat man dich nicht gelehrt das Leben zu achten? Wie willst du selber mal enden? Auch so jämmerlich?“

„Orebro! Komm jetzt“, die Frau zerrte wieder an Saum des alten Mannes. „Ist nicht unser Bier“, sagte sie in Hassans Richtung.

„Lass Frau!“, seine Stimme war die eines Raben, „Soll ich mein Augen verschließen, ob der Herzlosigkeit in unserem Land? Soll ich wegschauen, wenn Blut vergossen wird? Wie soll es weitergehen, wenn wir das zulassen?“

Bei den letzten Worten hatte er sich mit der Faust aufs Herz geklopft und Hassan herausfordernd angeschaut.

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