Hausaufgaben 2

Noch bevor der Morgen angebrochen war, hatte Cyrus sich auf den Weg gemacht. Sagit hatte eine Nachricht gefunden, dass er vor dem nächsten Tag nicht zurückkehren würde. Erst war er enttäuscht gewesen für nicht wichtig befunden worden zu sein, an der Suchaktion teilzunehmen. Aber bei genauerem Nachdenken war er ganz froh darüber. Er konnte nicht reiten, und sie würden sicherlich kein Gespann nutzen. Außerdem war er als Augenzeuge genauso gut wie Cyrus, hatte er doch nichts anderes beobachten können. Kurzzeitig fühlte er sich nutzlos und irgendwie genauso grau innerlich, wie der Tag draußen vor dem Fenster. So verwaschen war er, der Tag, dass man sofort wusste, dass er nicht mehr besser werden würde. Mit seinem Reisebeutel, es war nur ein Sack mit einer angenähten Lasche zum Umhängen, in der Hand, ging er zum großen Schreibtisch und setzte sich in den Stuhl. Der war komplett aus Holz gefertigt, hatte also keine weiche oder irgendwie gefederte Sitzfläche und war sehr unbequem geformt. Es war schwer sich vorzustellen, wie jemand darauf auch nur eine halbe Stunde verbringen konnte. Sagit rutschte bis an die Kante, um nicht die im Rücken zwickende und drückende Lehne zu spüren. Dann holte er das Buch aus dem Beutel und legte es vor sich hin. Da lag es, wie ein Buch halt so liegt. Aber dieses hatte eine solide Art, wie eine Schildkröte. Immer noch robust den Zeiten trotzend, die stetig an dessen Substanz nagten. Sagits Kopf schwebte nur leicht gestützt durch seine aufgestellten Finger darüber. Er kramte angestrengt in seinem Gedächtnis nach einem alten Rezept, an dessen Bestandteile er sich nur vage erinnern konnte. Eisen und Nickel gehörten dazu, aber auch Cobalt und Mangan. Was noch, fragte er sich und vor allem in welchen Verhältnissen. Es wäre besser ein natürliches Vorkommen zu finden, aber er war sich nicht sicher wie es um die geologische Beschaffenheit des Drachenschwanzgebirges bestellt war. Im Laboratorium wäre es ein leichtes, aber hier, dachte er traurig. Sagit beschloss nicht weiter abzuschweifen, sondern etwas zu unternehmen. Entschlossen erhob er sich und stellte das Buch in ein Regal zu anderen Büchern. Dann warf er seine Jacke über, die nach den Abenteuern der letzten Tage ganz schmuddelig geworden war, stieg in seine Stiefel und schloss hinter sich die Tür. Unten im Hauseingang traf er Meister Schwafel, der mit dem Besen zugange war. Sagit fragte ihn nach einer Bücherei oder dergleichen. Woraufhin der auskunftsfreudige Hauswart begann ihm die Geschichte des Buchhandels in Elinhir zu erläutern, der kurz gesagt nach einem langen Niedergang vollständig zum Erliegen gekommen war, um ihm am Ende zu empfehlen einfach in die Bibliothek der Schwarzmagier zu gehen. Er bedankte sich und ging in die angegebene Richtung. Die Bibliothek befand sich auf dem Gelände der Burg, gleich gegenüber vom Wohnhaus. Seine Sohlen klopften auf das Pflaster, als er über den großen Innenhof schritt. Angekommen lugte er durch ein verdächtig dunkles Fenster und tatsächlich, innen erkannte er einen Saal mit bis an die Decke reichenden Regalen vollgestellt mit den verschiedensten Büchern, Mappen und Pergamentrollen. Es sah allerdings so aus, als wäre es geschlossen. Und wirklich, nachdem er durch eine schwere Tür in einen Korridor gelangt war und dort am Eingang zum Büchersaal rüttelte, wusste er, dass er sich nicht getäuscht hatte. Er seufzte, machte kehrt und verließ die Burg in die Stadt. Die Hände tief in die Hosentaschen vergraben, schritt er zügig aus. Es war kalt und feucht. Man konnte nicht klar unterscheiden, ob es nieselte oder die Luft von Nebel erfüllt war. An einem großen Platz mit Brunnen machte er Halt und überschaute die Optionen, die ihm zur Verfügung standen. Fünf Gassen gingen ab. Ein Trödelhändler bibberte an seinem Tisch. Alle Fenster waren grau. Das Pflaster schimmerte nass. Nur eine Tür stand offen. Als Sagit näher kam, hörte er Stimmen und Gelächter. Dann nahm er den Dunst von Tabak und schalen Getränken wahr. Eine Taverne freute er sich, angesichts des warmen einladenden Lichtes, das ihn lockte. Er lief direkt in Marthas Arme, als er die beiden Stufen zum Eingang erklomm.

„Hallo Sagit! Augen auf im Gegenverkehr!“

„Martha!“

„Los Sagit! Du kommst mir gerade recht. Habe Besorgungen zu machen.“

Ohne das er auch nur einen Schritt in die Stube machen konnte, um etwas Wärme zu speichern, drehte Martha ihn um, hakte sich bei ihm ein und zog ihn energisch mit sich. Gemeinsam verschwanden sie in einer dunklen Gasse.

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