Hausaufgaben 5

Die Zelle tief in den Eingeweiden der Kanalisation besaß kein Fenster, nur schmutziggraue Wände, etwas stinkendes Stroh auf dem Boden und eine engmaschige Gittertür. Es hatte sich nichts geändert, seit Zanodars letztem unfreiwilligen Aufenthalt im Gefängnis der Diebesgilde.

Oder doch.

Er war nicht mehr ganz allein.

Ein paar Schritte hinter der Tür lümmelte einer seiner Entführer auf einem Schemel an der Wand und schnarchte. Es war einer der Bogenschützen, dessen Namen Zanodar noch nicht herausbekommen hatte, ein Mensch mittleren Alters ohne irgendwelche Auffälligkeiten. Jedenfalls hatte Zanodar bisher keine entdeckt, wenn man die Fähigkeit, jeden Gesprächsversuch stoisch zu ignorieren, jetzt nicht als Auffälligkeit sah. Der Khajiit hatte es irgendwann aufgegeben und sein Schicksal akzeptiert.

Vorerst.

Nach einem langen, zermürbenden Marsch über steinige Pfade, durch Dornengestrüpp und einen Morast voller blutrünstiger Beißfliegen, die er wegen seiner gefesselten Hände nicht verscheuchen konnte, war Zanodar schließlich sogar froh gewesen, endlich das kühle Dunkel der Kanalisation betreten zu dürfen. Ein bisschen froh, denn natürlich war ihm klar, dass seine Chancen, heil aus der Sache herauszukommen, nicht besonders hoch standen. Immerhin hatte man ihn nicht gleich umgebracht. Das ließ doch hoffen, oder? Nun gut, irgendwann würde er schon erfahren, was Ra’Shira von ihm wollte oder wie er Zanodars angeblichen Verrat zu bestrafen dachte. Ganz wohl war ihm nicht bei diesen Gedanken.

***

„Gehe nun, mein Kind, und diene mir weiter so wie du es stets getan hast.“

Die Stimme verhallte in Om’Niins Kopf. Langsam erhob sie sich, ihre Gestalt zerfloss und formte sich wieder zum Körper der Waldelfe Nimoni.

Sie sah sich um.

Der Raum des Schreins war leer. Nichts zeugte mehr davon, dass hier noch vor kurzem vier Dremorakrieger den Gildenmeister von Elinhir im wahrsten Sinne des Wortes zerstückelt hatten. Nichts, außer einem leichten Blutgeruch, der langsam verschwand.

Noch einmal verneigte sich Nimoni tief vor der Statue Nocturnals. Dann öffnete sie die Tür und trat den Rückweg zu den Gildenräumen an.

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