Hausaufgaben 13

Stunden vergingen.

Tage vergingen.

Zanodar hatte jegliches Zeitgefühl verloren.

Zu Anfang hatte er noch versucht, die Zeit anhand der Wachwechsel abzuschätzen. Doch schnell hatte er bemerkt, dass es dort keinen festen Rhythmus gab. Manche Wache blieb länger, manche nur kurz. So schien es ihm. Manche brachten ihm seinen Krug abgestandenes Wasser oder etwas, das sie „Essen“ nannten. Zusammengekippte Reste von Eintöpfen etwa oder Allen gemeinsam war nur, dass sie kein Wort mit ihm redeten. Alle bis auf diesen Ork, der vor Zanodars Gittertür einen endlosen Monolog über orkische Foltermethoden gehalten hatte. Ein richtiges Gespräch war auch dabei nicht zustande gekommen.

Was Zanodar am meisten wunderte war, dass Ra’Shira bisher noch nicht aufgetaucht war. Was bezweckte der alte Kater nur damit? Schickte ihm erst einen ganzen Trupp hinterher und ließ ihn dann in der Zelle schmoren? Das passte aus Zanodars Sicht nicht so richtig zusammen.

***

Der Versammlungsraum der Diebesgilde war etwa zur Hälfte gefüllt. Nimoni hatte Wert darauf gelegt, dass jedes Mitglied, das den Angriff überlebt hatte, der heutigen Zusammenkunft beiwohnte. Als entschuldigt galt nur, wer gerade Kost und Logis des Stadtrates genoss, in den städtischen Verliesen Elinhirs. Das war nicht mal eine Handvoll.

Nimoni stand in der Mitte des Raumes, gleich neben der zentralen Feuerschale, in der die Kohlen diesmal nur schwach glühten. Im Gegensatz zu Ra’Shira, der taghell erleuchtete Räume bevorzugte, liebte sie die Schatten. Sie verwischten die Konturen, gaben dem Raum etwas mystisches, das sie die stille Anwesenheit ihrer Göttin spüren ließ. Der Widerschein der Kohlenglut spiegelte sich in Nimonis Augen, als sie die Hand hob und mit leiser aber fester Stimme um Ruhe bat.

„Gilde von Elinhir, liebe Freunde“, begann sie, „Wir haben uns heute versammelt, um derer zu gedenken, die bei diesem feigen Anschlag ihr Leben verloren haben. Viele mutige Frauen und Männer sind gefallen, als sie die Räume, die wir unser Zuhause nennen, und die Füchte jahrelanger schwerer Arbeit verteidigten. Wir alle haben sie gekannt: Janub, Mahairi, Kasash’zaj, Rugba gra-Tukk, ….“ Es folgte eine Liste mit weiteren Namen. „… und zuletzt auch unseren Gildenmeister Ra’Shira. Möge seine Seele über die Sande hinter den Sternen wandeln, so wie es der Glaube der Khajiit erklärt.“ Aus verschiedenen Richtungen drang zustimmendes Schnurren zu ihr. Nimoni wartete ab, ein paar Augenblicke stiller Besinnung, die sie den Anwesenden gönnte, bevor sie in der Tagesordnung weiter ging.

„Wir werden noch klären müssen, wie es zu diesem Überfall kommen konnte, wer uns verraten hat und vor allem, welche Sicherheitsvorkehrungen für die Zukunft getroffen werden müssen, um …“

„Na die verdammte Wache war’s doch!“ tönte es in tiefstem Bass aus den hinteren Reihen.

Nimoni unterbrach sich, lächelte mild und wandte sich dem Rufer zu: „Ja, das wissen wir, Heimdall“, sprach sie in einem Tonfall, mit dem man einem Kleinkind die Welt erklärt. Aus einer Ecke drang unterdrücktes Kichern. „Wir müssen nur noch herausbekommen, wer sie dazu angestiftet hat.

„Der Stadtrat?“

„Die Schwarzmagier?“

Nimoni seufzte. Es gab genügend schlichte Gemüter in der Gilde. Manchmal nervte das, doch wenn sie genauer darüber nachdachte, so tat sich hier eine neue Möglichkeit auf, den Überfall zu erklären und vielleicht sogar einen Schuldigen zu präsentieren. „Vielleicht,“ fuhr sie fort, „haben wir den Schuldigen sogar schon gefunden. Das muss natürlich noch genau geprüft werden. Wir wollen ja keinen Unschuldigen richten. Schließlich sind wir nicht die Dunkle Bruderschaft. Nicht wahr?“

Zustimmendes Gemurmel.

„Lasst uns das in den nächsten Tagen erledigen. Zuerst …“ sie hob die Stimme „… braucht unsere Gilde eine neue Führung. Jemanden, dem wir alle vertrauen können. Jemanden, der der Gilde immer treu ergeben war. Jemanden, der die Fähigkeit besitzt, Verantwortung zu übernehmen und die Kraft, auch unbequeme Entscheidungen zum Wohle von uns allen durchzusetzen.“ Nimonis Blick wanderte über alle Anwesenden, blieb hier und dort hängen als suche sie jemanden. Dabei stand ihre Wahl lange fest. „Ich bin überzeugt, dass Ra’Shira mir zustimmen würde, und ich weiß, dass unsere Schutzherrin, die große Lady Nocturnal, wohlwollend auf ihn herabsehen wird. Also frage ich euch: Wollt Ihr in dieser schweren Zeit unser neuer Gildenmeister sein, Hassan?“

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