Hausaufgaben 19

„Von dem Gequatsche hab‘ ich nix“, äffte Cyrus die Worte Halvars nach, „Der Mann ist richtig in Ordnung, scheint‘s. Sage mal, so rein von außen betrachtet, stehst doch nur du in seiner Schuld, oder? Ich meine du verdankst ihm…“

Cyrus hatte den Eindruck das Iareths Augen aufblitzten. Er sprach lieber nicht zu Ende, sondern versicherte ihm, dass er sich als Mitgefangener sah und dieselben Konsequenzen zu tragen bereit sei. Sie entschlossen sich diese Nacht nichts mehr zu unternehmen. Ihr Vorhaben war sowieso schon aus der Not geboren. Ein Mindestes an Vorbereitung war unbedingt angebracht. Auch wenn es nur daraus bestände zu Kräften zu kommen und die Anweisungen auf Halvars Zettel zu verstehen. Sie gingen zu Cyrus nach Hause.

Am nächsten Morgen saßen sie zu Viert am großen Arbeitstisch. Zu viert, weil Martha und Sagit gar nicht so lange nach ihnen erschienen waren, noch ganz aufgekratzt vom Empfang, mit der albernen Idee ein vorbeugendes Katerfrühstück einzunehmen. Als sie den schlafenden Iareth entdeckten war ihre Freude groß, aber sie ließen ihn und Cyrus noch schlafen. Sagit war nicht wiederzuerkennen. Er lachte und scherzte in seiner gewohnten hölzernen Art zu sprechen mit Martha herum. Immer wieder ergriff er sie bei der Hand und wirbelte sie tänzerisch im Kreis, als hätte er unbändigen Spaß an einer neuen Bewegungsart gefunden, die er bei jeder Gelegenheit ausprobieren musste. Martha schien es zu genießen. Cyrus war am Ende mit noch vom Schlaf verklebten Augen aufgestanden und hatte sich zum Tisch geschleppt, wo er auf seinem Stuhl niedergesunken war. Sehr langsam kam er zu sich und konnte dem aufgeregten Bericht Sagits von seinem neuen Metier: der Spionage, folgen. Martha schmunzelte. Dann weckten sie Iareth. Er wurde begrüßt und voll Sorge in Augenschein genommen, ob er verletzt war und wie schwer. Dann führten sie ihn wie ein rohes Ei zum Tisch mit dem Frühstück und begannen ihn zu bewirten. Iareth musste genauestens Bericht erstatten, wie er gekämpft hatte und was sich während der Verfolgung der Banditen zugetragen hatte. Insbesondere die Rettung durch den Riesen Halvar machte sie so neugierig, dass sie ihn mit dutzenden Fragen löcherten. Schlussendlich kamen sie auf ihre Pläne zur Befreiung Zanodars zu sprechen.

„Ich verbiete es euch runter zu den Dieben zu gehen! Träumt nicht mal davon!“, sagte Martha plötzlich ernst geworden. Iareth sah sie stirnrunzelnd an.

„Wir müssen aber Martha“, erwiderte Cyrus, „Glaub‘ mir, keiner verdient es dieser Bande skrupelloser Mörder ausgeliefert zu sein. Wenn du gesehen hättest wie kaltblütig der Anführer den Kräuterleuten den Kopf, verstehst du, den Kopf, abgeschlagen hat, dann würdest du es auch so sehen. Ich weiß, ich werde diesen doppelzüngigen Schlächter nicht stoppen können, aber den Zanodar hol‘ ich raus da.“

„Wie wollt ihr das machen? Schleichen? An Dieben vorbei? Na, viel Erfolg wünsche ich da!“

„Ich glaube ich habe eine Idee“, sagte Cyrus langsam.

„Ach ja“, interessierte sich Iareth.

„Ich habe mit Sasana gesprochen, dem Heiler. Er braut uns gerade einen Unsichtbarkeitsmixtur.“

Es entstand eine kleine Pause.

„Du bist dir über die Nebenwirkungen bewußt?“, fragte Martha.

„Fallsucht. Ja…“, Cyrus tat so als wollte er abwinken.

„Fallsucht?“, fragte Sagit.

„Ja, Fallsucht. Man liegt am Boden, zappelt und geifert. Kommt vor, dass man sich die Zunge abbeißt oder die Augen auskratzt.“

„Oh,“ machte Iareth.

„Zudem hält die eigentliche Wirkung nur solange wie es braucht um bis sechzig zu zählen“, fügte Cyrus mutlos hinzu.

„Einen Trumph in der Hand zu haben ist aber so oder so gut. Vermutlich sollten wir auf die Überraschung setzen. Schnell rein, jemanden überrumpeln, Zanodar befreien und schnell wieder raus. Wir sollten Dietriche mitnehmen, im Zweifelsfalle kann Zanodar sich dann selbst befreien. Ich glaube wir tun gut daran so kurz wie möglich da unten rumzulaufen. Es muss schnell gehen.“ Iareth sah besorgt aus, aber auch entschlossen.

„Richtig, schaut her“, fuhr Cyrus fort, „in der Beschreibung hier, übrigens ist das eine sehr schöne Kalligrafie, und bedenkt, dass wurde vorhin nachts unter dem Druck eines Riesen geschrieben, hier steht, dass es von der Zisterne links den Abzweig vom Hauptkanal, über die Ballustrade zum Sammelbecken ‚Oberer Zulauf‘ geht. Da ist die Kammer, wo die Diebe ihre Geiseln, Gefangenen und so weiter festhalten. Soweit ich mir die Kanalisation vorstellen kann, müsste das in einer kurzen Zeitspanne zu schaffen sein. Dann könnten wir an ihren Wachen vorbei, oder wer auch immer aufpasst oder zufällig auftaucht und uns da verstecken.“

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