Hausaufgaben 20

Die Straßen Elinhirs, in denen die Menschen in traumwandlerischer Betriebsamkeit ihren morgendlichen Beschäftigungen nachgingen, gaben ihnen das Gefühl, sie seien Taucher, die ausserhalb ihres Elements die Betriebsamkeit des Meeresbodens besuchten. Cyrus trug einen weiten Kaputzenmantel von dunkelgrauer Farbe. Iareth hatte sich ein oliv-farbenes Hemd geliehen und trug das Lederwamms von Vater Fleisch, nachdem seine dunmerischen Gewänder zerrisen worden waren. Beide hatten Tücher um den Kopf geschlungen, mit denen sie sich wenn notwendig vermummen konnten. Ausserdem trug Iareth einen kurzen Knüppel am Gürtel, zusätzlich zu seinem Schwert auf dem Rücken. Sie brauchten eine Weile den richtigen Einstieg zur Kanalisation zu finden und als sie in die Eingeweide der Stadt eintauchten, schluckte der massive Stein nicht nur das Licht, sondern auch alle Geräusche der Oberwelt.

Schweigend gingen sie die Gänge der Kanalisation entlang, jetzt darauf bedacht, möglichst wenig Geräusche zu verursachen. Iareth hatte bei ihrem Aufbruch zum Glück daranb gedacht, dass Cyrus vermutlich nicht die Schuhe mit den Holzsohlen tragen sollte. Nach einer Weile erreichten sie die Zisterne, die ein riesiges Sammelbecken darstellte, in die sich mindestens acht weitere Gänge ergossen. Iareth blieb an der Ecke ihres Ganges stehen und hob die Hand. Er sah in die Halle, es war nichts zu hören ausser das Gluckern, Plätschern und Tropfen hunderter Wasserläufe.

„Welcher Gang ist jetzt links?“ fragte er flüsternd. Cyrus zuckte die Schultern und sah erneut auf den Zettel, den Halvar ihnen gegeben hatte.

„Links vom Hauptkanal, steht hier.“

„Und wo ist links bei einem Kreis?“ fragte Iareth.

Einen Moment herrschte Schweigen. „Der Hauptkanal ist der da,“ sagte Cyrus und deutete auf den breitesten der Gänge. „Ich glaube diese Anweisungen gelten in der Kanalisation immer in Flussrichtung. Das wäre also… dort!“ Er zeigte auf einen der kleinen Kanaleingänge neben bem breiten Hauptkanal. Iareth zuckte mit den Schultern und zeigte dann mit dem Daumen nach oben. Wie auf der Pirsch hasteten sie durch die weite Halle auf den Gang zu. Iareth spähte hinein. Wieder nahm er den Daumen hoch und sie traten in die Schatten des dunklen und kleinen Ganges. Er war unbeleuchtet, doch Cyrus hatte an einen Welkyndstein gedacht, dessen schummriges Licht ihnen nun leuchtete.

Der Gang führte nicht geradeaus weiter, sondern krümmte sich in einem Bogen, dass man vielleicht nur fünf oder sechs Schritte weit sehen konnte. Dieser Umstand war unangenehm, weil man nicht wusste wie weit es gehen würde, noch ob einem etwas entgegen kam. Sie spitzten beide die Ohren und lauschten angestrengt nach fremden Schritten. Es kam ihnen endlos vor. Die Augen fanden in dem unwirklichen bläulichen Schein des Welkyndsteines keine Linie, nicht mal einen Punkt an dem sie entlang blicken konnten. Alles verschwamm und nur die eigene Schwere, die den Körper zu Boden zog, verriet einem wo unten war. Cyrus lies seine Finger an der Wand entlang gleiten, um sein Gleichgewicht zu halten. Endlich erreichten sie das Ende. Sie standen geduckt in der Öffnung und schauten erneut in ein Sammelbecken mit mehreren Abzweigungen. Der Unterschied zum vorherigen Becken war, dass dieses hier den Kopf einer länglichen Halle bildete. Gegenüber führte eine schmale Treppe hinauf zu einer weiteren Etage, die sich entlang der Halle erstreckte. Um dorthin zu gelangen musste man einmal um das Becken laufen. Fackeln brannten an den Wänden. Nicht viele. Nur so, dass es zur Orientierung reichte. Das fließende Wasser schluckte jegliche Geräusche. Es war niemand zu sehen. Aber es war offensichtlich, das hier Leute anwesend waren. So eine Fackel brannte nicht ewig.

„Das muss die Balustrade sein“, sagte Iareth leise.

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