Hausaufgaben 21

Der letzte Abend hatte in einer riesigen Feier geendet. Hassan, obwohl etwas überrumpelt, hatte die Wahl zum neuen Gildenleiter schließlich angenommen und sein erstes „Gehalt“ in Alkohol investiert. Auch Nimoni hatte ein Fässchen aus ihrem Privatvermögen – oder besser, aus Ra’Shiras Privatvermögen, das dieser ja nicht mehr brauchte, beigesteuert. Es wurde über den Feuerschalen gegrillt, es gab frische Backwaren, reifes Obst und Gemüse. Ja, die Gilde wusste durchaus zu leben. Dass es sich bei den meisten der Köstlichkeiten um „Schutzgeld“ örtlicher Händler handelte, störte hier niemanden.

***

Der nächste Tag begann deshalb reichlich verkatert. Hassan hockte an Ra’Shiras altem Schreibtisch und stützte den Kopf mit den Händen ab. Als erste Amtshandlung hatte er aufgeräumt, das hieß, er hatte den ganzen Schreibkram samt antiquierter Briefbeschwerer einfach vom Tisch in die nächste Ecke gefegt. Sollten sich die Ratten daran sattfressen.

Nimoni betrat den Raum.

Eine kleine Unmutsfalte legte sich über ihre Stirn, als ihr Blick auf den Haufen fiel. Sie beschloss jedoch, es erst einmal zu ignorieren. Im Vorbeigehen klopfte sie Hassan aufmunternd auf die Schulter. „Nichts gewöhnt, was?“

Der Angesprochene grunzte nur, was ihr ein hämisches Grinsen ins Gesicht trieb. Aus einem Wandschränkchen entnahm sie drei Gläser, sowie eine Flasche Wein, die so alt wirkte, dass das Etikett schon nicht mehr lesbar war. Gekonnt entkorkte sie die Flasche, goss ein und probierte. „Hmm …“, anerkennend hielt sie die Flasche gegen das Licht, „… Wolkenruh, Südhang. Vermutlich Mitte der dritten Ära. Das muss man dem alten Kater lassen, von Wein verstand er was.“ Soe goss die Gläser voll und schob eins davon Hassan hin. „Trinkt, alter Freund. Ihre werdet es brauchen.“

Als er die Hand zum Glas ausstreckte öffnete sich erneut die Tür und Midrassa trat ein.

Hassan schaute erst sie, dann Nimoni an. „Midrassa? … Warum sie? Was habt Ihr vor?“

„Eins nach dem anderen“, antwortete die Bosmer. Und zu Midrassa: „Setzt euch!“ Damit schob sie auch ihr ein Glas zu und ließ sich aus Mangel an weiteren Stühlen auf dem Schreibtisch nieder. „Auf eine erfolgreiche Zusammenarbeit!“

Nimoni hob das Glas, und die beiden anderen folgten ihrem Beispiel.

„Wie ihr sicher bemerkt habt, gab es ein paar kleine Veränderungen“, begann sie. „Ra’Shira wurde ermordet, etliche Mitglieder unserer Familie leider auch. Das ist tragisch aber nicht zu ändern. Wir müssen nun dafür sorgen, dass wieder Ruhe einkehrt.“ Sie sah Midrassa und Hassan eindringlich an.

„Ist das Nest noch sicher?“ fragte letzterer.

Nimoni nickte.

„Ich denke schon.“ Wie in Gedanken drehte sie ihr Glas zwischen den Fingern bevor sie fortfuhr: „Dass wir hier unten wohnen ist ein offenes Geheimnis. Der Stadtrat weiß genauso davon wie die Magier. Sie wären auch dumm, wenn sie über die Jahrhunderte nichts bemerkt hätten.“

„Und doch lassen sie uns in Ruhe.“

„Ja. Sie halten sich an die Abkommen und wir werden das auch tun.“

„Wer hat dann die Wache auf uns gehetzt? Das war weder der Stadtrat noch die Magier, oder?“

Nimoni lächelte. „Ich sehe, dass es kein Fehler war, euch zum Gildenleiter zu machen. Ihr denkt mit.“

„Dann habt Ihr …?“

„Bei Nocturnal, nein! Ich bin nur eine kleine Schatzmeisterin, die alles zum Wohle der Gilde tun würde. Sagen wir einfach, es war göttlicher Wille, ja?“

Hassan stimmte nach kurzem Nachdenken zu, und Midrassa nickte ebenfalls. Ihr war schlagartig klar geworden, dass das was sie hier hören durfte, ihren Status in der Gilde immens erhöhen würde … oder es würde ihr Todesurteil sein. Da sie am Leben hing, nickte sie noch einmal besonders intensiv.

Die Bosmer nahm es wohlwollend zur Kenntnis.

„Es wäre allerdings viel einfacher, einen Schuldigen präsentieren zu können, nicht wahr? Und dabei fällt mir jemand ganz bestimmtes ein. Jemand, der der Gilde schon einmal sehr geschadet hat. Es ist doch ein merkwürdiger Zufall, dass der Überfall genau zu dem Zeitpunkt kam, kurz nach dem Rawlsej seinen Bewachern entkommen ist.“

„Als wir ihn fanden, war er in Begleitung von Stadtrat Cyrus“, warf Hassan ein.

„Seht Ihr? Ein weiteres Indiz dafür, dass er uns erneut verraten hat. Vielleicht wäre es ganz gut für die Moral der Truppe, dem Anwesen dieses Cyrus mal wieder einen Besuch abzustatten, nicht wahr?“

Midrassas Augen leuchteten auf. „Einer seiner Leute hat Rachid auf dem Gewissen!“

„Dann“, sagte Nimoni gönnerhaft, „wird dieser Besuch selbstverständlich unter Eurer Leitung stattfinden.“

Die Khajit leckte sich über die Lippen und verbeugte sich leicht. „Diese wird sehr gründlich sein.“

***

„Ihr dürft gehen!“

Die Wache erhob sich, übergab Nimoni die Schlüssel und verließ den Raum.

In der Zelle schlug Zanodar die Augen auf. Er hatte nicht wirklich geschlafen, nur vor sich hin gedämmert und dabei wieder und wieder seine Chancen durchgespielt. Sie waren verschwindend gering.

Als er sah, wie die Tür aufgeschlossen wurde, erhob er sich völlig. War das seine Gelegenheit? Er kannte die Schatzmeisterin. Sie war eine Bosmer, von Natur aus sehr dünn und einen Kopf kleiner als er selbst. Auch wenn er sich etwas schlapp fühlte, da Wasser und altes Brot keine vollwertige Nahrung darstellte, so würde er …

„Denkt gar nicht erst dran“, sagte sie und ihre Stimme allein ließ ihn erstarren. Sie trat an ihn heran. Ganz dicht. Und Zanodar konnte nichts dagegen tun. Seine Arme hingen an ihm herab, als ob sie nicht zu ihm gehören würden, während Nimonis kleine Hand über seine Brust strich.

„So eine Verschwendung“, raunte sie ihm ins Ohr.

„Wwas wwollt …“ Jeder Laut ließ ihn fast aufstöhnen vor Anstrengung. Er hatte das Gefühl, seine Zunge müsse Steine beiseite schieben, um ihn formen zu können. Zum Glück verstand die Bosmer ihn auch so.

„Pssst. Ganz ruhig.“ Der Druck ihrer Aura ließ etwas nach, jedoch nicht genug, um sich wieder frei bewegen zu können.

„Ich möchte nur wissen, was mit der Beute passiert ist, die du uns damals gestohlen hast.“

„Ich habe nicht …“

„Doch, du hast. Aber vermutlich ist alles längst weg. Habe ich recht?“

Zanodar brachte ein schwaches Nicken zustande.

„Das dachte ich mir. Nun … es ändert sowieso nichts an deiner Zukunft, Rawlsej. Oder soll ich sagen: Zanodar? Es tut mir leid.“

Sie nahm ihre Hand von seiner Brust und streifte dabei einen kleinen Gegenstand, der um seinen Hals hing. „Oh! Ein Amulett. Magisch?“

Er verneinte.

„Das macht nichts. Es ist hübsch und du brauchst es bald nicht mehr.“

Mit einem kurzen Ruck zerriss sie den Lederriemen. Dann lächelte sie ihm noch einmal zu, drehte sich um und verließ den Kerker. Die Tür fiel zu.

Hatte sie jetzt vergessen abzuschließen?

***

„Jetzt gehört er Euch, Midrassa“, sagte Nimoni, als sie dem Gang zurück folgte.

Die Konturen der Illusionsmagierin begannen zu verblassen.

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