Hausaufgaben 24

Es hatte eine Weile gedauert bis die Starre völlig aus Zanodars Gliedern wich. Zeit, in der er auf die Gittertür starrte. Zeit, in der er überlegte, was nun zu tun war.

Flüchten?

Der Bosmer hinterherhetzen?

Er wusste es nicht.

Sie hatte das Amulett genommen, Kirashis Mondamulett. Alles, was ihm von seiner Familie noch geblieben war. Er musste es zurückbekommen. Unbedingt!

Doch wie?

Zanodar stolperte rückwärts, spürte die kalte Felswand im Rücken und rutschte daran hinab. Zusammengekrümmt blieb er sitzen. Sein Kopf war leer.

Und dann hörte er Geräusche. Schritte. Rütteln an Gitterstäben.

Jemand kam.

„Hey Zanodar rappel dich auf! Wir haben Dietriche mitgebracht“, rief Cyrus aufmunternd.

Es dauerte etwas, bis Zanodar realisierte, wer da gerade vor seiner Zelle stand. Seine Mine hellte sich nur unwesentlich auf.

„Kommt rein, es ist offen“, antwortete er müde.

„Es ist offen?“, Cyrus war einigermaßen überrascht und richtete seinen Blick von der Eingangstür in das Innere der Zelle, „Irgendetwas stimmt hier nicht.“

Zanodar nickte nur dazu. „Hallo Cyrus, hallo Iareth. Schön euch zu sehen.“ Langsam wie ein uralter Mann richtete er sich auf, streckte sich und bog leise stöhnend den Rücken durch. „Dieses Miststück hat mich beklaut.“

Iareth ging zu Zanodars Zellentür hinüber und riß sie auf. Sie schepperte laut in ihren Angeln. „Los, raus hier,“ sagte er laut. „Kannst du laufen?“ Ohne eine Antwort abzuwarten durchquerte er wieder den Raum, um an der Tür Wache zu halten. Er wandte den Kopf und die gespenstische Deadrafratze blickte zu Cyrus und Zanodar zurück. „Jetzt ist nicht die Zeit zum reden.“

„Oh, doch! Jetzt ist genau die richtige Zeit zu reden“, erwiderte Cyrus und schaute von Zanodar zu Iareth und wieder zurück, wobei er nur farbige Flecken und Umrisse sah. Verwundert stellte er fest, dass in seiner gemalten Welt die Dinge keine Tiefe zu haben schienen. Es fühlte sich an wie eine Fläche, zweidimensional. Plötzlich hatte er das Gefühl zu schwanken. Schleunigst versuchte er den Gedanken zu verdrängen und tat so, als sei alles ganz selbstverständlich. Es schien zu gelingen. „Und zwar will ich jetzt endlich wissen“, fuhr er fort, „was an dir Zanodar so wichtig ist, dass die Diebesgilde einen großen Trupp nach dir schickt und so viele Leute sterben müssen bei deiner Gefangennahme? Erkläre mir bitte, warum ich und Iareth hier unten sind und unser Leben riskieren, um dich rauszuholen?“

Zanodar war unter Cyrus‘ Worten regelrecht zusammengezuckt. „Es ist … Ich bin …“, begann er, wusste nicht so recht weiter und brach wieder ab. Doch da nun auch Iareths Augen wartend auf ihn gerichtet waren – wartend und extrem ungeduldig – atmete er einmal tief durch und begann zu erzählen, wobei er ohne es zu merken wieder in die typische Sprechweise der Khajiit fiel: „Also … dieser war schon einmal in Elinhir. Vor etlichen Jahren, knapp 26 um genau zu sein. Da war dieser Mitglied der Diebesgilde. Kein wichtiges Mitglied aber auch kein Anfänger. Dieser hatte sich hochgearbeitet und so … Na ja, jene erinnern sich noch an den damaligen Raub der Arenakasse? Die Nachrichten standen sogar in Cyrodiil im Rappenkurier, sagt man. Angeblich hatte die Gilde sagenhafte 60000 Goldstücke erbeutet. Dieser weiß aber, dass das gelogen ist. Nicht einmal ein Bruchteil davon war in der Kasse. Egal, dieser bekam den Auftrag, einen Teil der Beute zur Gilde zu bringen. Vielleicht 2000 höchstens 3000 Goldstücke. Dieser schwört! Aber … dieser hatte noch zwei Geschwister, Shen’do und Kirashi. Und dieser brauchte Geld, um für seine Geschwister sorgen zu können. Deshalb ist dieser nicht zurück zur Gilde gegangen, sondern weit weg nach Westen. Dieser hat gehofft, dass Ra’shira nach so langer Zeit vergessen hat. Leider hat sich dieser geirrt.“

„Dieser, jener… Ich bin ganz verwirrt“, Cyrus versuchte sich einen Reim auf die Geschichte zu machen. Er überlegte und musterte dabei Zanodars Kopf direkt vor sich. Unter der Schädeldecke leuchtete ein satter roter Fleck. Er schien sogar zu oszilieren. Kurz wunderte er sich über dieses Phänomen und merkte es sich für spätere Betrachtungen. „Ganz schön nachtragend die Bande, was?“, konnte er sich die Bemerkung nicht verkneifen, dann sagte er: „Mit deinem Glück im Westen hat es nicht so geklappt und du bist ohne deine Geschwister unterwegs. Du bist wahrlich ein Pechvogel. Die Diebesgilde! Wenn die jemanden ausnutzen können, dann machen die das mit Vorliebe. Das müsstest du als kein Anfänger doch wissen. Ich frag‘ mich trotzdem was sie mit dir vor haben. Deine Schulden abarbeiten? Ist doch lächerlich. Was haben sie gesagt?“

Hilflos hob Zanodar die Schultern. „Dieser … ich weiß es nicht. Ich wurde nicht schlau daraus. Es war merkwürdig. Ich dachte, Ra’Shira wird mich verhören wollen oder irgendwas tun. Doch er ließ sich nicht hier sehen. Nur seine Schatzmeisterin. Und glaubt mir, die ist gruselig. Aaaber … sie hat mein Amulett. Könnten wir vielleicht …?“ Mit einer Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung in den Augen blickte er zu den beiden auf.

Von der Tür kam zorniges Grollen. Im nächsten Moment war Iareth bei Zanodar, packte ihn beim Kragen und zog ihn halb auf die Beine. „Hör zu, Zanodar!“ Er betonte den Namen des Khajit besonders stark und zog den Khajit dicht vor die zornige Fratze der Maske. „Zwei deiner Diebe habe ich schon erschlagen. Willst du das es drei werden oder vier oder zehn? Ich weiß nicht ob es dir entgangen ist, als dein Spießgeselle die beiden Alten geköpft hat? Wir suchen nicht noch wahllos im Feindeslager nach deinem Schmuck.“ Iareths Stimme war voll blindem Zorn und er begann Zanodar grob mit sich Richtung Ausgang zu zerren.

Cyrus stellte sich Iareth in den Weg und legte ihm mit einer beschwichtigenden Geste seine Hand fest auf die Schulter. „Ruhig Blut, mein Guter!“, sagte er mit ebenso fester Stimme, als hätte er einen Nüstern blähenden Hengst zu bändigen, „Dein Gesicht ist so beißend weiß glühend, wie die Glut direkt unterm Blasebalg beim Schmied!“ Er berührte wie ein Blinder es tun würde Iareths Gesicht. Die metallische Maske verhinderte, dass seine Fingerspitzen bis an die Haut kamen. „Irgendetwas ist mit deiner Maske Iareth. Merkst du das nicht?“ Dann schaute sich Cyrus in der Umgebung um und sah nur Leere bis auf den einen blassen Fleck der von Iareth niedergestreckten Wache.

„Folgender Vorschlag: Wir sind in der Höhle der Diebe. Mein Leben erkennen Zauber wird noch eine Weile halten. Er bricht erst wenn ich wieder bei Tageslicht bin. Es ist ungewöhnlich ruhig und leer hier unten. Zanodar kennt sich hier bestens aus. Er war zwar vor über zwei Dekaden hier aktiv, aber die Gänge müssten immer noch die gleichen sein. Das ist die Chance uns hier etwas umzusehen. Vielleicht entdecken wir etwas. Eine Schwäche in der Verteidigung. Einen Vorteil, den wir später nutzen können. Einen Hintereingang. Die Schatzkammer der Diebe. Also lasst uns ganz ruhig bleiben und die Gelegenheit nutzen. Zanodar, „wandte sich Cyrus an ihn, „was meinst du, kannst du uns unauffällig weiter rein führen?“

Zanodar schaute von einem zum anderen und zurück. Iareths Maske sah zum Fürchten aus, doch mehr als diese wirkte der Ton, in dem er sprach. Auch Cyrus hatte etwas merkwürdiges an sich, dass Zanodar nicht richtig einordnen konnte. Ob es an der Magie lag, die er wirkte? Er wusste es nicht.

„Unauffällig?“ überlegte er und meinte dann ehrlich. „Nein, unauffällig geht das nicht. Schon damals gab es ein Warnsystem in den Gängen. Wie es jetzt aussieht weiß ich nicht.“ Damit warf er noch einen Blick auf die Tür, hinter der Nimoni verschwunden war, drehte sich um und ging langsam, mit schweren Schritten auf den Ausgang zu. „Es ist hoffnungslos.“


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