Hausaufgaben 27

Iareth stand am Fenster und schaute auf die Straße vor dem verfallenen Tor der Unterstadt. Er sah wie Sagit sich setzte und interessiert die Passanten beobachtete. Er nahm den letzten Schluck aus seinem Weinglas und stellte es auf die Fensterbank. „Ich muss gehen,“ sagte er ohne den Blick von Sagit abzuwenden.

„Oh, das ist aber schade. Komm bitte bald wieder,“ sagte eine Frauenstimme aus dem Nebenzimmer.

Iareth antwortete nicht. Er nahm seinen neu gekauften Mantel und den Kleidersack vom Bett und verließ den Raum. Als er auf die Straße trat sah er einen Moment in die Abendsonne und genoß die Ruhe des langsam einkehrenden Abends. Gemächlich Schritt er über die Straße und hob die Hand als Sagit ihn entdeckte.

„Iareth? Dein Gesicht kommt mir bekannt vor. Dein Kopf nur vage und den Rest hätte ich nicht erkannt.“

Der Dunmer trug ein dunkelrotes Gewand, das eindeutig aus Morrowind stammte, ausserdem waren seine Haare kurzgeschoren und in seinem Ohr blitzte ein goldener Ring. Nur sein Schwert war das alte.

„Ich habe gestern den ersten Sold von Cyrus bekommen,“ sagte Iareth und lächelte.

„Und willst du durch die Tracht zeigen, dass du mit deiner Heimat stark verbunden bist? Es sieht prächtig aus.“

„Ja und nein. Ich bin einfach sicher das die beste Kleidung aus Morrowind kommt.“ Sagit stand auf und sie reichten sich die Hand. „Du bist früh dran,“ sagte Iareth als sie sich setzten.

„Ich weiß nicht wann die Rufe zum Abendgebet erklingen; und ich bin sowieso durch die Stadt geschlendert. Da dachte ich… nun“, Sagit machte eine Pause und schien nachzudenken. Dann lies er seinen ursprünglichen Gedanken fallen und fuhr stattdessen mit einem anderen Thema fort, „Es ist ganz eigenartig. Die Stadt ist so winzig, fünfzehn Minuten im Durchmesser, und alles wirkt wie eine Miniatur. Selbst die Menschen. So emsig und führen ein Puppenleben in einem Puppenhaus. Aber mir war bestimmt nur melancholisch. Erzähl lieber wie du deinen ersten Sold durchgebracht hast? Und leugne mir nicht. Ich sehe es deiner Visage an.“

Bei Sagits Worten sah Iareth die Straße entlang und den ällmählich in den Häusereingängen verschwindenden Passanten hinterher. „Ja,“ sagte er träge, dann sah er Sagit an. „Ach, ich hab mir neue Kleidung besorgt, meine alten Sachen schienen mir nicht mehr passend. Außerdem hab ich nach einer neuen Bleibe gesucht. Gar nich so leicht was zu finden, aber ich hab mit ein paar guten Leuten gesprochen. Außerdem war ich im Badehaus.“ Er deute mit dem Finger über die Straße. „Ich war jemandem namens Yasmine noch einen Besuch schuldig.“ Er sah hoch und zu dem Fenster, aus dem er noch vor wenigen Augenblicken hinaus geschaut hatte.

„Ich hoffe Jemand namens Yasmine hat dir eine gründliche Reinigung anwachsen lassen“, Sagit lachte kumpelhaft, „Ich will dir nicht nahetreten, verzeih meine Neugier. Bevorzugst du die käufliche Liebe?“

„Käufliche Liebe, den Ausdruck fand ich schon immer eigenartig. Auf Dunmeri gibt es ihn nicht. In Morrowind sind Sex und Liebe sehr verschiedene Dinge. Liebe ist bei uns wohl vorallem das, was ihr Freundschaft nennt oder … Fürsorge oder vielleicht Anteilnahme. Der Verkehr von Männern und Frauen ist viel weniger als das, aber das liegt wohl auch daran, dass Elfen nicht so schnell Kinder zeugen, wenn sie ihren Hunger stillen.“

„Bei Fürsorge und Anteilnahme muss ich an Krankenhäuser denken. Oder an Altenpflege. Das Elfenblut scheint mir eine andere Mischung zu haben.“ Sagit rieb sich sein Kinn, „Ich habe mit der Liebe abgeschlossen. Rerproduziert habe ich. Und jetzt kann ich einfach einen Hebel umlegen, wenn mir nach Spaß ist. Ganz dunmerisch, oder?“

„Du verstehst mich falsch,“ sagte Iareth ernst, „mit der Liebe abgeschlossen, dass ist etwas was in Dunmeri keinen Sinn ergibt. Sowas würde bedeuten, dass du kein Interesse mehr an anderen Menschen hast, dass du ganz alleine sein möchtest. Das was ihr Liebe nennt und was speziell zwischen Männern und Frauen möglich sein soll, das gibt es bei uns nicht. Wenn Männer und Frauen sich treffen, um sich zu vereinen oder einen Stammbaum zeugen, dann ist das sehr anders. Meistens. Sie müssen sich dafür nicht lieben, manche würden sagen, es ist besser wenn sie sich nicht lieben… Es gibt da ein Sprichwort: Um deinen Hunger zu stillen musst du nicht jeden Tag deine Lieblingsspeise essen.“

„Aber trockenes Brot reicht auch nicht, was? Muss schon was herzhaftes oder süßes drauf sein“, Sagit lächelte, „Sehr interessant. Wenn das in eurer Kultur verankert ist, eliminiert das eine ganze Reihe kontraproduktiver Verhaltensweisen… Ich meinte das aber wirklich so mit dem abgeschlossen Haben. Ich habe dadurch nicht mein Mitgefühl verloren. Es erleichtert mir aber die Einsamkeit, wie du treffend bemerkt hast.“

Iareth sah Sagit von der Seite an. Es war ihm ein bisschen unangenehm, dass Sagit so offen von seiner Einsamkeit sprach. Er selber konnte es zwar gut nachvollziehen, hätte aber niemals so offen davon gesprochen. Ein Schweigen trat ein, dass Iareth als unangenehm empfand. „Nun, was die ‚käufliche Liebe‘ angeht,“ versuchte er auf den Anfang ihres Gesprächs zurück zu kommen, „es ist bei mir wohl eine Frage der Gewohnheit und der Möglichkeiten. Ich bin seit vielen Jahren ein Heimatloser, ich bleibe nirgends lange. Viele Menschenfrauen haben an einer solchen Bekanntschaft kein Interesse und ich kann es ihnen nicht verübeln, immerhin müssten sie vielleicht allein ein Kind aufziehen, was unter den Menschen keine rühmliche Sache ist. Manchmal treffe ich elfische Frauen, die andere Gepflogenheiten gewöhnt sind, aber auch unter ihnen ist ein Arbeiter kein großer Fang. Am besten geht es, wenn ich Anstellung als Lehrer finde und den Schwertkampf unterrichte. Das imponiert. Ansonsten gehe ich gerne zu Huren, immerhin, es ist eine einfache Sache und es gibt auch sehr interessante Frauen unter ihnen.“

„Du sagst, dass die Frauen vielleicht ein Kind aufziehen müssten, wenn du kurz irgendwo bist. Hast du darüber nachgedacht selber diese Freude zu empfinden? Oder hast du schon?“

„Ich? Für wie alt hälst du mich denn? Oh, na ja, also gut, für Menschen bin ich alt, aber für Mer bin ich ein junger Mann. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich überhaupt schon Kinder zeugen könnte, wenn ich es wollte. Ausserdem ist bei uns meistens nicht die Frage ob man Nachfahren haben will, sondern eher, wozu…“ Iareth lächelte etwas melancholisch.

„Wozu man Nachkommen haben sollte, ist nicht die Frage. Es geht um die Statistik. Eines Tages werden die Menschen mit ihren kurzen Reproduktionszyklen,
die Elfen beiseite wischen“, Sagit dachte kurz nach, dann folgte er einem Impuls, „Lass uns Spaß haben, Iareth. Ich fordere dich heraus, wo du doch sehr geübt bist mit der Liebe und dem Sex. Wer bis zum Abendgebet hier Arm in Arm mit einer Bekanntschaft erscheint, wird uns alle für den Rest des Tages aushalten? Was meinst du?“

„Oh, nun…“ Iareth wirkte unsicher, „ich nehme an du willst darauf hinaus, dass man sie nicht bezahlt? Sozusagen, wer besseren Eindruck macht oder mehr Glück hat?“ Sagit nickte und grinste schelmisch. „Na gut, machen wir es so,“ fasste er sich ein Herz und lächelte seinerseits. „Dann aber los, ich glaube lange dauert es nicht mehr!“

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