Hausaufgaben 29

Sagit war zufällig in eine Richtung losgegangen auf der Suche nach Möglichkeiten. Er schallt sich für seine sentimentale Idee und dass er sie überhaupt vorgebracht hatte. Genau konnte er es sich nicht erklären, warum er plötzlich solche Impulse erfuhr. Diese spontanen Emotionen neuerdings elektrisierten ihn und banden seine ganze Aufmerksamkeit. Es war nicht unangenehm, aber auch sehr verwirrend für ihn. Er dachte natürlich nicht daran die Wette zu gewinnen. Seine Chancen jemanden zu überzeugen mit ihm zu kommen, waren verschwindend gering, rechnete er sich aus. Oder, fragte er sich, an einem geeigneten Ort könnte man flirten? Es gab eine Reihe von Gesten, die eindeutig die Bereitschaft zur Kontaktaufnahme signalisierten, das wusste er. Sie konnten bewusst und unbewusst sein, je nachdem wie subtil sie wirken sollten. Er kramte in seinem Gedächtnis nach Beispielen und kam ins Schwitzen dabei, vor allem weil er noch nicht einmal wusste wo er diesen geeigneten Ort finden könnte. Plötzlich stolperte er über vor seinen Füßen kullernden Kartoffeln.

„Oh das tut mir Leid werte Dame!“, rief er sich entschuldigend.

Eine große Frau, bestimmt einen Kopf größer als Sagit, schaute mit rotem Gesicht auf ihn herab. „Jetzt latsch mir nicht noch auf den Knollen herum. Und was heißt hier Dame? Also so hat mich noch keiner genannt.“

Sagit bückte sich und begann die verstreuten Kartoffeln einzusammeln. „Das… das wusste ich nicht… ich konnte doch nicht einfach… Frau sagen. Ich habe mir gedacht, das ist höflich.“

„Höflich! Siehst du mich hier ´ne Audienz halten?“, sie lachte laut auf, „Du bist mir ein Träumer. Hier schmeiß das in den Korb, du Höfling.“

Er tat wie ihm geheißen und krabbelte auf dem Pflaster umher, bis er alle Kartoffeln in den Korb zurückbefördert hatte. „Ich helfe“, er zögerte, „dir den schweren Korb nach Hause zu bringen. Als Wiedergutmachung.“

„Von mir aus. Muss ich das nicht schleppen. Zehn Pfund sind zehn Pfund. Scheinst mir ein Pfundskerl zu sein.“

„Hat Pfundskerl in eurer Mundart eine gute Bedeutung?“ Sagit trug den Korb vor dem Bauch und rannte beinahe der zügig ausschreitenden Frau hinterher.

„Mit jedem Pfund. Das sage ich dir.“

Sie kamen an ein Haus mit zwei Etagen. Es sah mickrig aus, so wie es sich an das eine Etage höhere Nachbarhaus lehnte und altersschwach in der Mitte einzuknicken schien. Der Eingang war niedrig und die Frau musste sich bücken, um hindurch zu gelangen. Innen stank es nach Haustieren und es war dunkel. Eine ausgelatschte Treppe führte nach oben. Sagit war es unangenehm. Die Wände wirkten fettig. Das Fenster im Treppenhaus starrte vor Schmutz. Er wollte hier nichts berühren. Sie gingen durch eine offene Tür direkt in eine Küche hinein. In einem Schacht befand sich ein offenes Glutbecken. Der Abzug darüber war verrußt und hing voll mit Bein- und Rippenstücken von Tieren und in Schläuche gepresste Fleischmischungen. Es gab Schränke und viele Regalbretter an den Wänden. Alles war gefüllt mit Küchenutensilien, Dosen, Kräutern, überhaupt alles was man in einer Küche so finden kann. Auf einer Bank vor einem groben Tisch saß eine ältere Frau und putzte Gemüse.

„Großmuttern, guck wen ich mitgebracht habe. Schleppt mir zur Liebe die Kartoffeln nach Hause. Was ein prächtiger Bursche!“

Sie stellten alles auf den Tisch, um sich von der Last zu befreien.

„Berlinga wie oft habe ich gesagt du sollst nicht mit Fremden anbändeln“, rügte die Frau am Tisch Sagits Zufallsbekanntschaft, „Wenn Gyobu eines Tages zurückkommt wirft er dich raus aus Scham und Schande.“

„Scham und Schande! Wie lange ist der verfluchte Krieg schon vorbei? Und dieser Taugenichts von deinem Sohn kennt keine Scham sich hier blicken zu lassen.“

Sagit räusperte sich und unterbrach die Beiden: „Darf ich mich vorstellen: Ich bin Sagit aus der Kaiserstadt und ich kann Ihnen versichern, dass ich Ihrer Tochter helfe aufgrund eines Unfalls und keinerlei Absichten hege.“

„Oh“, protestierte Berlinga, „Keinerlei Absichten? Das ist jammerschade. Und ich dachte schon, ich hätte einen guten Fang gemacht.“ Sie lachte über ihren Witz und begann die Waren vom Tisch in die Schränke zu verstauen.

„Sagit. Du bist ein Mann von Welt. Aus der Kaiserstadt. Komm näher. Damit ich dich besser sehen kann.“ Er trat näher. „Näher, näher. Setz dich zu mir. Ich will den Wind der Kaiserstadt fühlen. Erzähle mir davon. Weißt du, ich wollte immer in die Kaiserstadt. Aber ich habe es nie geschafft. Ich bin gestraft mit dummen Kindern und viel Arbeit. Mein Mann ist früh von mir gegangen. Der Krieg und jetzt sitze ich hier fest mit diesem Pferd von Schwiegertochter und muss mich um ihre Brut kümmern.“

„Jaja, mir kommen gleich die Tränen. Wo ist die Brut überhaupt?“

Berlinga rannte hinaus in das Nachbarzimmer und schrie offensichtlich aus dem Fenster dort in den Hof nach ihren Kindern rufend.

Sagit setzte sich neben die Großmutter. „Sind sie wirklich die Großmutter?“

Die Frau senkte ihre Hände mit dem Messer und der Karotte und nickte Sagit zu.

„Weil sie sehen noch sehr jung aus. Also…“

„Danke! Danke. Oh wie nett du bist Sagit. Oh sind alle Männer in der Kaiserstadt so? Berlinga!“

Berlinga kam hereingestürmt. Nicht weil die Großmutter sie gerufen hatte, sondern in Eile angesichts der noch vor ihr stehenden Aufgaben. „Ja, was gibt’s?“

„Sagit hier meinte ich sehe jung aus. Glaubst du das? Dabei kann ich nicht weiter als meine Hand schauen und krieg den Rücken nicht mehr gerade.“ Sie lächelte selig und schaute zu Sagit. „So schöne Worte vor dem Abendgebet im Tempel.“

Sagit erhob sich abrupt. Er stieß an den Tisch und wäre beinahe wieder zurückgefallen. „Ich glaube… Ich fürchte ich muss sie verlassen. Ich habe noch eine Verabredung. Da fällt mir ein“, er wusste nicht so recht, wie er es sagen sollte, „Willst du mit mir ausgehen?“

Es entstand eine Pause. Dann antworteten beide Frauen gleichzeitig mit gleichen hohen Stimmen: „Wer? Ich?“

Berlinga fing sich als erste und wurde ganz jovial: „Du machst mir Spaß. Lass mal.“ Sie winkte ab.

„Aber ich mache es. Nimm mich mit Sagit“, rief die Großmutter.

Jetzt prustete die stämmige Berlinga lauthals los. „Oma! Geht’s jetzt in die Kaiserstadt? Endlich! Dein Mädchentraum wird wahr.“

Sagit stand verwirrt am Tisch und rieb sich verlegen den Hinterkopf. Die Großmutter stand auch auf. Sie war klein und konnte ihren Rücken tatsächlich nicht mehr ganz gerade machen. Aber sie war eine stolze Frau mit blitzenden Augen.

„Komm Sagit. Ich mache mich schön für dich und du zeigst mir die Stadt.“

Unwillkürlich machte er einen Schritt zurück. Über sein Gesicht huschte ein Erschrecken, weil er nicht wusste, ob mit ihm gespielt wurde. Die beiden Frauen begannen herzlich zu lachen angesichts Sagits Unentschlossenheit und linkischen Benehmens. Ihm wurde es peinlich und er hätte sich am liebsten in Luft aufgelöst. Doch dann sagte er mit einem Lächeln, dass er sich köstlich amüsiert hätte mit den Beiden und es jetzt Zeit wäre seinen Absichten nachzugehen.

„Komm bald wieder lieber Kartoffelmann“, rief ihm Berlinga hinterher.

Sagit machte sich schnurstracks auf den Weg zum Unteren Tor. Wie erwartet mit leeren Armen, wie er sich eingestehen musste.

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