Bronzesoldaten 3

Schon vor vielen Stunden hatten sie die alte Gebirgsstraße verlassen und folgten nun einem Pfad durch das Krallental. Der Weg wurde scheinbar nur selten benutzt. Einfach ein Trampelpfad. Streckenweise war er abgesackt oder einfach fortgespült durch Regen und Schlamm. Manchmal verbreiterte er sich allerdings und war dann sogar gepflastert mit flachem Geröll. Sie waren nicht alleine. Einige Schritte hinter Sagit folgte die kleine Dwemerspinne mit flinken Füßen, die hörbar klackerten sobald sie auf Stein trafen. Sagit wunderte sich, dass Iareth der Spinne so gar keine Beachtung geschenkt hatte. Nicht an der Unglücksstelle, als sie die Rucksäcke geschnürt hatten und auch nicht während des Marsches, wo Iareth die Führung übernahm. Er hatte ihn nur einmal, bevor sie losgegangen waren, mit strengem Blick gemustert. Sagit fragte sich, ob er sich die Spinne am Ende nur einbildete. Vielleicht war sie eine Folge des Unfalls bei dem er sich anscheinend den Kopf verletzt hatte, eine Halluzination. Er schaute zurück und sah den roten Dynamokern mit seinen mechanischen Beinen geschickt über einen Geröllbrocken klettern. Wie unwahrscheinlich, dass ich Tong wiedergefunden habe, sagte er sich zum hundertsten Mal.

Als die Dämmerung sich zur Nacht wandelte, erreichten sie ein Dorf. Ein Dutzend windschiefe schwarze Hütten krallten sich an den Rand eines Plateaus hoch über dem Talboden. Es war ein vom Wetter gebeutelter Ort. Selbst jetzt, wo sie den ganzen Nachmittag durch einen lauen Herbsttag gegangen waren, wehte hier ein steifer Wind. Eine ungewöhnliche Wahl um zu siedeln. Vielleicht bot die weite Sicht in des Tal Sicherheit vor Gefahren, oder er lag so näher bei den Wiesen, Äckern und Wäldern, die die Bewohner bewirtschafteten. Vielleicht auch Beides. Zwischen den Häusern auf dem zentralen Flecken der Siedlung reckten sich zwei Pfähle in die Höhe, nicht höher als die niedrigen Dächer selber. Zu ihren Füßen lagen Haufen. Aber im Dunkeln konnte man nicht viel mehr erkennen. Sie näherten sich ohne Umschweife der ersten Hütte. Iareth schaute ins dunkle Fenster, es war nicht viel größer als sein Kopf, dann klopfte er an die Tür. Nach einer ganzen Weile öffnete sie sich mit einem durch Mark und Bein gehendem Knarzen. Ein Arm mit einem brennenden Span in der Hand kam zum Vorschein und dann neigte sich der bärtige Kopf eines alten Mannes in den Glanz der Nachtsterne.

„Wohin des Weges Wanderer?“, fragte er merkwürdiger Weise.

Einige Augenblicke sagte keiner etwas, dann erläuterte Iareth freundlich, dass sie auf dem Weg nach Mtardarhk seien und von der Nacht überrascht wurden. Er bat den alten Mann ihnen Unterschlupf zu gewähren.

„Ruinen… so, so…“, sagte der Alte mit rauer Stimme. Er machte kehrt und humpelte in seine Stube zurück zur einzigen Lichtquelle im Haus einem offenen Kamin. Das er die Tür nicht geschlossen hatte, war seine Aufforderung ihm zu folgen. Sie traten ein, auch Tong trippelte hinterher. Drinnen war es düster. Der Alte schürte zwar das Feuer, aber die zuckenden Flammen blendeten und schienen die Schatten nur zu vertiefen. An einem groben Tisch saß eine Frau und ein Junge eng nebeneinander. Der Junge schmiegte sich an seine Mutter. Sie strich ihm tröstend über das zerzauste Haar. Die Stube war karg. Utensilien standen herum und irgendwelche gebundene Sträucher hingen von der Decke. Der Alte lud sie ein sich zu setzen. Er entzündete einige in Talg getränkte Halme und stellte sie in einem Becher auf den Tisch. Dann brachte er einen Krug Wasser und einen Kanten Brot. Er wollte sich gerade zu ihnen setzen, als er Tong erblickte. Entsetzt sprang er zurück und befahl der Spinne sich zu den Toren Oblivions zu begeben. Dann fiel er auf seine Knie und beugte sich immer wieder zum ostwärtigen Fenster hin. Sagit stand auf und ging zum Mann hinüber. Er hockte sich neben ihn und legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter.

„Guter Mann. Das… äh, das ist mein Haus… , Hund. Keine Sorge. Er hört auf mein Befehl.“ Sagit warf Tong ein typisches Hundekommando hin, worauf sich die Spinne zu Boden lies und die Beinchen einklappte. „Siehst du Großvater? Ist ein Lieber. Mein Tong. Ein ganz braver.“

„Ein Hund?“, fragte der, „Hm… Darum wollt ihr zu den Ruinen?“

Sagit bewegte den Alten sich zu erheben und führte ihn zum Tisch. Dort setzte er ihn auf die Bank neben den Jungen und die Frau, die sich während der ganzen Szene nicht bewegt, nicht einmal hochgeschaut hatten. Sie schienen sehr in sich gekehrt zu sein. Er selber holte seinen Rucksack hervor und zog ein Stück in Leinen gewickelten Käse heraus. Ein Messer. Und legte beides neben das Brot.

„Last uns was essen Großvater, liebe Frau, wertes Kind.“ Das Entsetzen des alten Mannes schlug langsam in Erstaunen und Neugierde um. Immer wieder schielte er zur Spinne hinüber und stellte Fragen über sie beziehungsweise über ihn, den Hund, als das er ihm vorgestellt worden war. Was er fresse? Ob er schlafe? Könnte er schnell rennen? Würde er anschlagen? Würde er eine Herde Schafe im Zaum halten können, und so weiter. So ging es eine Weile. Sie begannen zu plaudern. Der Alte erzählte vom Dorf und der Gegend, welcher Hahn wann und wo krähte. Bis es plötzlich an die Tür schlug. Der Alte, Iareth und Sagit drehten sich ruckartig um. Die Frau und der Junge erstarben in ihrer Pose. Das kleine Fenster neben der Tür war hell erleuchtet, obwohl es tiefste Nacht war. Schließlich ging Sagit hin, kniete sich nieder und lugte vorsichtig hinaus. Draußen bot sich ein erschreckendes Bild.

Eine große Gruppe Einheimischer stand mit Fackeln in den erhobenen Händen vor der Tür. Das Feuer loderte hell und tauchte die ernsten Gesichter in gleißendes Licht. Sie trugen alle, ob Mann oder Frau, Kittel aus grobem Stoff, die um den Bauch mit einer Kordel fest gehalten wurden. Man hörte ein Summen aus vielen Stimmen.

„Was geht da vor sich, Alter?“ In Sagits Stimme mischte sich Entsetzen und auch eine Prise Faszination.

Die Antwort kam von draußen herein: „Die Verfluchte und ihr Bastard müssen rauskommen!“ Ein breiter großer Mann war aus der Gruppe getreten und hatte laut gesprochen. Sie konnten es drinnen sehr gut hören.

Der alte Mann sprang auf und stellte sich mitten in die dunkle Stube. „Haut ab!“, schrie er, „Haut ab! Ihr lügt alle! Haut ab!“

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