Bronzesoldaten 12

Der Geruch der zerteilten Untoten hatte sich in Sagits Nase festgekrallt. Er wusste, das diese Erinnerung ihm noch lange haften bleiben würde. Selbst wenn sie sich schon lange in ganz anderen Ecken der unterirdischen Anlage aufhielten; selbst wenn die grauenhaften Bilder von in zwei Hälften gespaltenen Körpern verblasst waren. Ihn wunderte es, dass er sich so schnell an die Brutalität hierzulande gewöhnen konnte. Das er so schnell abstumpfen konnte. Irgendeinen Tribut musste es fordern, da war er sich sicher. Nur welchen, das wusste er noch nicht.

Sie erreichten das Ende des Ganges. Man konnte es nicht sehen, aber deutlich spüren, dass sie sich erneut in einer großen Halle befanden. Die Finsternis wurde tiefer und verschluckte das Licht aus ihrer nun winzig erscheinenden Lampe. Unwillkürlich berührte Sagit die Wand und leuchtete in alle Richtungen. Nur von der Wandseite kam ein Rückschein. Wortlos setzten sie sich wieder in Bewegung und folgten der Wand. Es war als würde man sich auf einem schmalen Sims vorantasten. Die Dunkelheit zog einen in die Tiefe und nur die fühlbare Mauer auf einer Seite gab einem Halt. Der Boden war übersät mit Schutt und Mauerblöcken. Sie mussten sogar über einige Steine drüber klettern. Nach einer Ewigkeit des Vorantastens standen sie plötzlich vor einem großen Loch in der Wand, das wie der Felseingang zu einer Höhle wirkte. Ein fahles Licht schimmerte darin von der Decke. Was die Quelle war, das war nicht zu erkennen, aber es war angenehm beruhigend wieder mehr von der Umgebung erkennen zu können, als die paar Schritte, die im Lichtkegel der Öllampe zu sehen waren. Das milchige Licht floss über die herabgestürzten Mauerreste und sammelte sich auf dem Boden zu einem spiegelglatten See. Es war atemberaubend schön. Gleichzeitig  aber so befremdlich, dass Sagit glaubte es wäre eine Halluzination. Nach all der Finsternis gewöhnten die Augen erst langsam daran.

„Das ist so faszinierend, ich hätte beinahe den faulen Geruch der Untoten vergessen“, stieß er hervor.

„Es sollte kalt sein hier unten,“ flüsterte Iareth, der angesichts der monumentalen Halle die Stimme senkte, „aber es ist eigenartig warm, merkst du das?“

Doch Sagit kam nicht zu einer Antwort. Plötzlich ertönte ein leises melodiöses Piepen und ein roter Lichtpunkt blinkte einige Schritte entfernt.

„Was hast du da Tong?“, rief Sagit und ging in die Richtung der Dwemerspinne.  Die Umrisse eines sitzenden Menschen schälten sich aus der Dunkelheit ins vage Licht. Die Gestalt saß breitbeinig auf dem Boden an einen Geröllhaufen gelehnt. Tongs rotes Licht spiegelte sich rhythmisch in den metallenen Beinschienen und den eisernen Stiefeln. Als sie näher kamen leuchtete das Kettenhemd im warmen Licht der Öllampe orange auf. Ein Schulterstück hing seitlich herab, das andere fehlte. Nur der schwarze Stoff des Gambesons drängte heraus und setzte sich als Ärmel fort. Der andere Arm, in voller Rüstung, hielt ein großes Schwert wie einen Stock auf den man sich stützt, um aufzustehen. Doch der Kopf lag im Nacken auf einem Stein. Es war ein Ritter. Er schien zu schlafen. Aber das war nur eine Täuschung. Ein dunkles Bass ertönte aus den tiefen seiner Brust: „Hier jemanden noch anzutreffen, war die letzte meiner Hoffnungen…“

„Bist du lebendig?“, fragte Sagit, der nicht anders wußte wie er sein Erstaunen ausdrücken konnte.

„Lebendig genug, um Schmerzen zu spüren… Tot genug, sie zu ertragen…“

Iareth hatte bereits seinen Säbel in der Hand und sah sich um. „Wer hat dich so zugerichtet?“

„Ihr seid ein tüchtiger Schwertkämpfer Dunkelelf… Doch nicht höfisch, wie ich vernehme… Kein Mann hohen Standes… ein Söldner gar“, der Ritter bewegte sich nicht, als er antwortete, nicht einmal seine Lippen schienen zu zucken, „… nun… nicht wer, sondern was… ist die Frage… Wallend sein Gewand, die Brust gezwängt in einen Harnisch aus Gold, die rote Schärpe flattert im Sturm… getragen von einem Paar mächtiger Flügel kommt es über Euch…“

Iareth runzelte die Stirn, entschloss sich aber die blumigen Ausführungen des Ritters ernst zu nehmen. „Sagit,“ flüsterte er, „Ich schlage vor wir schnappen uns den armen Kerl und ziehen uns zurück. Wenn etwas dran ist an dem was er sagt…“ Er blickte Sagit ernst an.

„Bitte gucke dir an wie groß der Mann ist“, forderte er ebenfalls flüsternd Iareth auf, „Ich schnappe mir einen Schmetterling aus der Luft oder meine Hosen von der Kommode, aber keinen ausgewachsenen Mann in schwerer Rüstung, der noch dazu völlig entkräftet gegen einen Stein gelehnt dasitzt. Sein Schwerpunkt ist so tief, wir bräuchten einen Vier Punkt drei drei Einheiten langen Hebel dazu, wenn…“

Der Ritter untebrach die Beiden. In seine Stimme mischte sich ein glucksen, offenbar füllte sich seine Lunge langsam mit Flüssigkeit: „Gebt euch keine Mühe meine Freunde… Ich… strebte mein Leben lang nach dem Licht… Ganz unten angekommen, scheints die falsche Richtung…“ Ein amüsiertes Seufzen entwisch seiner Kehle. „Wollt ihr, meine Freunde… ein Geschenk von mir annehmen?“

Iareths Blick wanderte von Sagit zu dem am Boden liegenden Ritter und dann wieder prüfend durch die Halle, dann ging er entschlossen zu dem Mann und hockte sich nieder. „Wir können eine Nachricht ans Tageslicht bringen, zu deiner Familie oder deinem Herrn. Und,“ er zögerte, „wir können auch dein Leiden verkürzen, wenn du das wünschst.“

Langsam hob der Ritter seinen Kopf vom Stein. Es kostete ihm größte Kraft es zu tun. Einmal sank er sogar wieder zurück. Dann schaffte er es ihn leicht zur Seite zu neigen und seinen verklebten Schädel hochzurollen, wie einen schweren runden Stein eine Rampe hinauf. Jetzt da sein Gesicht im Schein der Laterne stand, konnte man seine vom Grauen verzogenen Züge erkennen. Seine Augen schienen nicht ihm zu gehören. Sie leuchteten wie die von Linsen verstärkten Feuer der Vivecschen Leuchttürme des Nachts über der stürmischen See. Ein stoppeliger Bart breitete sich über die Wangen und das Kinn den Hals hinab aus, hart wie das kurze Gras auf den Deichen unter den grauen Wolken von Himmelsrand Nordküste. Das schwarze Haar hing wie herausgerissener Seetang von der Stirn. Zwei tiefe Furchen zogen sich bitter von den Nasenflügeln herab. Aus dem schmalen Mund sickerte schwarzes Blut.

„Oft vernahm ich dieses Angebot…“ Es war nicht ganz klar worauf sich der Ritter bezog. Seine Stimme klang jetzt klar. Nur fiel es ihm schwer durch die zähe Flüssigkeit in der Luftröhre zu atmen. „Nehmt…“ Er fasste unter sein Kettenhemd und zerrte mit Mühe eine Ledertasche hervor. Daraus holte er einen Schlüssel, der mit gelbem Licht glühte. Aber er schien kalt zu sein. „Nehmt doch…“, er hielt den leuchtenden Schlüssel zu Iareth hin, „Und wenn ihr sie findet…“

Iareth griff den Schlüssel und sah dann fragend zu dem Mann hinab, doch seine Augen waren geschlossen.

Auch Sagit schien es so, als hätten den angeschlagenen Ritter die Kräfte verlassen. Er beugte sich nach vorn, weil es ihm so vorkam, als würden sich seine Lippen noch bewegen. Und tatsächlich hörte er ein Murmeln. Er senkte sein Ohr immer tiefer, bis es einen Finger breit entfernt war. „Aha“, entfuhr es Sagit, dann spritzte ein Schwall Blut gegen seine Wange und er wich zurück. Angewiedert wischte er seine Haut trocken.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.