Bronzesoldaten 14

„Was jetzt?“ fragte Iareth in die eintretende, bleierne Stille hinein. „Er ist tot,“ antwortete Sagit. „Ja,“ Iareth sah sich wieder in der Halle um. Die Worte des Ritters hatten ihn beunruhigt und gleichzeitig kam er sich verhöhnt vor. Was war es gewesen das ihn so zugerichtet hatte und war es noch hier? Der Tote hatte ihnen keine klaren Antworten gegeben. Er sah auf den Schlüssel in seiner Hand hinab. „Was soll das alles?“ Sagit antwortete nicht. „Was machen wir jetzt?“ Fragte Iareth erneut.

Sagit nahm den Schlüssel aus Iareths Hand und betrachtete ihn eingehend. „Er hat mir zugeflüstert, dass in den tiefsten Tiefen sein Herz gefangen ist. Und dass das der Schlüssel dazu ist.“ Er zuckte mit den Schultern und gab Iareth den Schlüssel wieder zurück. „Nicht genau die Worte, aber in dem Sinn. Also ich meine, wenn ich das nicht mit meinen Augen gesehen hätte, würde ich es für eine Geschichte halten. Schau hier“, Sagit hatte sich vor den toten Ritter gehockt und zeigte auf das Kettehemd „hier ist ein richtiger Schnitt. Eine Waffe hat ihn tödlich verwundet. Wer immer das war, treibt sich hier herum.“

„Na gut, ein Grund mehr hier den Ausweg zu suchen. Auf Cyrus warten wir nicht, wir suchen weiter, komm!“ Iareth zog seinen Säbel und griff die Fackel des Ritters, die wie dieser selbst, erloschen auf der Erde lag. Es dauerte eine Weile, dann erglommen die feuchten Wände in unruhigem Licht. Iareth hatte versucht zuversichtlich zu klingen, aber in Wahrheit sah er keine Hoffnung. Seit sie den Ritter gefunden hatten verfolgte ihn das Gefühl, dass jemand sie im Auge hatte, Etwas, das hier unten hauste und das keine Fackeln und Lampen brauchte, um die Dunkelheit zu ertragen. Aber es half nichts und noch konnte er das Grauen ignorieren, dass unter der Oberfläche seines Geistes darauf wartete alle Zuversicht und Logik zu verschlingen. „Das ist eine Sackgasse, zurück.“ Sagit antwortete nicht und die Worte verhallten kalt auf den nackten Wänden.

Die endlose Schwärze der Irrwege zuvor empfing sie. Iareth wusste kaum noch aus welcher Richtung sie gekommen waren. Einmal kurz sah er zurück zu Sagit, dessen bleiches Gesicht im Licht seiner Lampe wie aus Stein gemeißelt wirkte. Sie tasteten sich weiter vor und Iareth war sicher, dass sie nicht zurück sondern tiefer hinunter gingen; die Dunkelheit wurde dick wie schwarzer Schlamm und allmählich drohte sie die Fackeln zu ersticken. Iareth zuckte zusammen als das Licht seiner Fackel plötzlich zurückgeworfen wurde. Er hatte den Säbel gehoben, doch es war nur eine monolithische Tür aus verrustem Metall. Sagit machte ein heiseres Geräusch. Iareth ergriff die schwere Klinke und drückte. Ein markerschütterndes Kreischen durchbrach die finstere Stille und klang in ihren ausgehungerten Ohren wie der Todesschrei eines unweltlichen Scheusals. Iareth schwankte auf der Stelle und blickte hinab auf eine steinerne Treppe, deren Fußende nicht mehr zu sehen war. Eine lethargische Schicksaalsergebenheit hatte ihn erfasst und so betrat er die Stufen ohne ein weiteres Wort zu sagen. Wieder machte Sagit ein Geräusch, als ob er sprechen wollte, doch seine Kehle schien zu müde zum arbeiten. Sie erreichten einen Gang, von dem rechts und links vergitterte Nieschen abgingen; vielleicht eine Art Kerker. Irgendwo in Iareths vernebeltem Verstand meldete sich ein letzter Funke Logik, der ihm sagte, dass es aus dem Verließ sicher keinen weiteren Ausgang gab, doch die Stimme verhallte im endlosen Nichts seines trüben Geistes. Endlich erreichten sie eine weitere massive Tür, sie war ebenso schwarz und furchtbar wie die vorige. Jetzt war er sicher; ihre Welt endete an dieser Tür, ihr schwarzer Schlund führte sie aus der Welt der Sterblichen in ein Reich Oblivions, vielleicht an einen noch schlimmeren Ort. „Der Schlüssel,“ sagte Iareth mit kalter Stimme und ohne sich umzudrehen. Er streckte die Hand aus. Sagit zögerte. „Gib mir den Schlüssel, Sagit.“ Sagit zog den Schlüssel hervor und legte ihn in Iareths ausgestreckte Handfläche. Er brauchte nicht zu suchen. Als ob er es schon hunderte Male getan hätte, fand das kleine Metall sein Gegenstück in der Tür und drehte sich im Schloss. Diesmal blieb es stumm, die Türangeln gaben keinen Laut von sich als die finstere Tür sich öffnete.

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