Bronzesoldaten 25

Wenn man es erstmal verstanden hat, ging es Cyrus durch den Kopf, ist es recht einfach. Er blickte auf das Pult und die Linien darauf, die er freigelegt hatte, und schüttelte seinen Kopf in Verwunderung. Lange hatte er das Pult angestarrt und sich gefragt warum es ausgerechnet hier platziert worden war. Eine fest eingebaute Werkbank vor all den Rohren, die mit all diesen Hebeln und Rädchen versehen waren, machte nicht viel Sinn. Bis ihm die Zeichnung auffiel, die hier und da unter dem Staub und dem Rost hervor kam. Mit einiger Mühe und viel Wasser und feinem Sand, hatte er die bronzene Platte sauber gerieben und ein komplexes Muster aus parallelen Linien und geviertelten und halben Kreisen freigelegt. Wie es geschehen war, das wusste er nicht mehr, aber plötzlich erkannte er im Wirrwarr der Linien die Eingangshalle. Man zwinkert ein oder zwei Mal mit den Augen und die Perspektive ändert sich manchmal. Der Kreis stellte die große Wendeltreppe dar und hier, das mussten die Öffnungen in der gegenüberliegenden Wand sein. Das große Tor und die beiden kleinen Durchgänge links und rechts davon. Der Plan war die gesamte Anlage zusammengepresst auf eine Zeichenebene. Etwas vergleichbares hatte Cyrus noch nie gesehen. Das war ein Grad an Abstraktion der lange verloren gegangen war. Ihm war schnell klar geworden, dass es nichts brachte die Hebel und Rädchen wahllos zu bewegen. Es passierte einfach nichts. Worauf es ankam, das war die richtige Kombination. Die meisten der Hebel und Räder hatten Symbole darauf, die man im Plan wiederfinden konnte. Er hatte es so verstanden, dass man entweder etwas öffnen oder schließen konnte und an anderen Stellen etwas umleiten oder zünden konnte. Wie zum Beispiel in dem Steuerraum. Als er das Licht mit einem Umlegen eines Hebels löschen und wieder zünden konnte, war es fast wie ein Akt der Magie, und sogar viel leichter: ohne Fokussierung, ohne Beschwörung, ein simpler physischer Akt. Schließlich leitete er aus einem Reservoir einen Strom an Gasen um und konnte die große Halle erleuchten. Jedenfalls so einigermaßen, dass die Dunkelheit einem trüben rötlichen Schimmer wich. Immerhin das, freute sich Cyrus. Noch mehr freute er sich, als ein ohrenbetäubendes Kreischen aus der Halle zu ihm hereindrang und der Boden erzitterte. Er rannt hinaus und beobachtete wie die gigantischen Tore aufklappten. Bis zu Hälfte ungefähr, dann erschöpfte sich die Bewegung im Widerstand des vor sich hergeschobenen Gerölls und auch im schieren Alter der Mechanik. Cyrus schnappte sich seinen Zauberstab, den er aus dem Arsenal des Magierturms in Elhinir mitgenommen hatte und schritt durch das Tor in die nächste Halle. Auch hier war jetzt Licht. Es dauerte eine Weile bis Cyrus die Ausmaße und die ganzen Details im spärlichen Licht ausmachte, bis er langsam verstand was diese Formen bedeuteten. Er hatte sie gefunden, die mechanischen Zenturios, die sagenumwobenen schreitenden Ungetüme, diese Meisterwerke dwemerscher Handwerkskunst. Konnte man das da, was da so majestätisch an den Wänden stand, das bloße Produkt kunstfertiger Hände sein, ging es ihm durch den Sinn, es musste mehr sein, ihre ganze Kultur war eine Stufe weiter gewesen. Cyrus stand vor einem Zenturio und schaute in das maskengleiche Gesicht so hoch über sich, dass er seinen Kopf in den Nacken legen musste. Jetzt wo er den Zenturios gegenüberstand, konnte er sich nicht mehr vorstellen, wie man diese gigantischen Apparate beherrschen sollte. Unmöglich!

Plötzlich hörte Cyrus fremdartige Töne. Eine Melodie, die den Tonleitern folgte, aber zwischen ihnen hin und her sprang. Er suchte in der Richtung aus der er die Geräusche gehört hatte und sah ein einen kleinen rot leuchtenden Kasten auf acht spinnenartigen Beinen. Der verschwand im selben Augenblick in einem Gang. Cyrus kreierte ein magisches Licht, das um seinen Stab herum schwebte und folgte der Dwemerspinne in den Gang. Er war kurz, führte einmal um die Ecke und mündete schließlich in einer großen Höhle, wie er im ersten Augenblick dachte. Hier war alles in silbriges Licht getaucht und schaute man genauer hin, erkannte man, dass es einst eine kreisrunde Halle gewesen war, deren die Decke tragenden Säulen samt ihrer selbst, größtenteils eingestürzt waren und sich daraufhin erst diese natürlich wirkende Höhle gebildet hatte.

„Sagit! Iareth!“, Cyrus traute seinen Augen nicht. Die ganze Szene wirkte wie einer dramatischen Geschichte entnommen und schien dadurch so unwirklich. Iareth kniete mit gesenktem Kopf auf dem Boden. Er hatte seine Maske vor dem Gesicht und hielt seinen Säbel in der Hand am schlaff herabhängenden Arm. Vor ihm lag Sagit auf dem Rücken. Er ächzte und presste seine Hand auf die Schulter. Rot sickerte Blut zwischen seinen Fingern hervor. Die Dwemerspinne trippelte auf ihren dürren Beinen um die Beiden herum und modulierte fremdartige Töne.

„Was ist geschehen?“, brachte Cyrus hervor.

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