Bronzesoldaten 28

Iareth fiel beinahe zu Boden, als der Schmerz der letzten Minuten verzögert sein Bewusstsein erreichte. Sagit und Cyrus schrien durcheinander. Er entwand sich dem Griff des Menschen und stolperte Rückwärts. Er hob den Blick und nun erkannte auch er, dass hinter seinen Beiden gefährten ein mattes Licht kauerte. Er überlegte nicht lang, sondern packte Sagit beim Arm, der ihn immer noch, gehindert von Cyrus umbringen wollte. Er zog sich heran, setzte einen Fuß auf Sagits Knie und sprang über ihn hinweg, beide Hände fest an seinem Säbel, der nun hinter Cyrus Kopf durch das matte Licht ihres unsichtbaren Gegners sauste. Es gab einen Ton, laut und durchdringend, als ob Iareth mit voller Kraft eine Kirchenglocke geschlagen hätte. Iareth wurde von einer unheimlichen Kraft zurück geworfen und flog zwei Meter durch den Raum, auch Sagit und Cyrus hatte es umgeworfen und sie lagen wie ein Menschenknäul am Boden. Der Ton verdichtete sich zu einem immer höher werdenden Sirren, es erfüllte den Saal und klang an den Wänden unendlich wieder.

Es dauerte lange bis der Ton verklungen war. Sehr langsam ebbte er ab, bis nur noch ein Pfeifen in Cyrus rechten Ohr blieb. Das war ein Gefühl, als wäre im Gehörgang etwas stecken geblieben. Ein Fremdkörper, der zwickte und fiepte. Er steckte sich seinen kleinen Finger hinein und rüttelte darin herum. Nur half es nicht im Geringsten. Er versuchte sogar seine Gesichtsmuskeln mit einer Grimasse zu dehnen und wieder zurechtzurücken gewissermaßen, in der Hoffnung, dass dann vielleicht alles einschließlich seines Gehörs in den ursprünglichen Zustand  zurückkehren würde. Das einzige was er erreichte war, dass er wieder deutlich sein kaputte Nase und die aufgeschlitzte Stirn spürte. Ihm stiegen sogar Tränen in die Augen, nur der Pfeifton blieb aufdringlich stecken. Der Raum hatte das grelle Licht verloren, bemerkte er. Das Wesen war verschwunden; es hatte sie ordentlich durchgekaut, hervorgewürgt und ausgespuckt.

„Sagit. Sagit!“ Cyrus sah den reglosen Körper vor sich auf dem Bauch liegen. Er regte sich.

„Sprich lauter. Meine Ohren pfeifen fürchterlicher Weise.“

„Deine auch…“

Er sah zu Iareth rüber. Iareth lag auf dem Rücken und hatte seinen Arm über die Augen gelegt.

„Iareth! Bist du bei Sinnen? Sag etwas.“

Iareth gab ein stöhnen von sich. Er richtete sich halb auf und griff mit beiden Händen an seine langen Ohren. „Um Meridias Willen.“ Sein Blick kam auf Cyrus und Sagit zur Ruhe. „Cyrus, Sagit!“ Er versuchte schnell aufzustehen und fiel beinahe wieder. „Seid ihr schlimm verletzt?“ Er kam zu den beiden herrüber. „Oh, man, beinahe hätte ich euch umgebracht. Das sieht nicht gut aus, ich glaube wir müssen hier weg. Wir müssen raus und die Wunden versorgen. Was… was bei Oblivion war das für ein Wesen? Eine Aureale? Eine Irrlichtmutter?“ Er schwankte, sein Kopf tat furchtbar weh. Er hockte sich zu Boden und fuhr sich übers Gesicht. „Ich hab auch ein bisschen was abbekommen.“

„Ich habe auch ein bisschen was abbekommen“, Cyrus versuchte Iareths Tonfall etwas ins lächerliche zu ziehen, „Dein Glück, dass ich darauf geachtet habe, dein öffentliches Erscheinungsbild nicht zu beschädigen. Autsch…“ Cyrus prüfte mit spitzen Fingern, ob seine Nase einigermaßen gerade geblieben war.

„Mir deucht, ich war des Wesen unbedarfte Beute. Es flüsterte mir schlimme Dinge ein… heute!“

Cyrus betrachtete Sagit misstrauisch. Dann prüfte er seinen Hinterkopf, aber konnte keine Verletzung entdecken. „Versuchst du es jetzt mit der Dichtkunst?“

„Ich habe nicht den blassesten Schimmer, so rede ich doch immer.“

Cyrus winkte ab und fragte Iareth: „Was genau ist passiert? Was habt ihr gesehen?“

Iareth setzte sich neben Cyrus und erzählte was ihnen in den letzten Stunden wiederfahren war. Cyrus staunte nicht schlecht. „Du bist keinen Moment zu spät hier angekommen. Ich dachte, das wars gewesen. Ich hatte schon abgeschlossen und mich von meiner geistigen Gesundheit verabschiedet. Na ja, haste ja gemerkt. “ Schloss er. „Aber wir sollten wirklich an die Oberfläche zurückkehren, wer weiß ob dieses Unwesen nicht zurückkehrt, ich würde mich wundern, wenn es nur einen Schwerthieb aushält. Du siehst echt übel aus und Sagits Wunde blutet immer noch. Hat doch keinen Zweck jetzt weiter zu machen. Kommt.“ Er stand auf.

„Unumwunden gebe ich dir Recht; die frische Luft haben wir uns verdient, zu Recht!“

„Und ich habe eine bessere Idee. Da ist ein Unterstand mit Hebeln darin, womit man alles steuern kann. Das Licht, die Türen, das Feuer zum Wärmen. Da kann uns die Aureale gar nichts. Ein richtiger Schutzraum.“

„Soll uns ein Bunker mit niedriger Decke schützen, oder sollen uns die Sterne nützen? Sind wir Pollen, die getrieben werden vom Wind? Oder sind wir ein von einem steinernen Bauch geborgenes Kind?“

„Weder noch!“, sagte Cyrus. Er ging etwas humpelnd voran und führte sie in den Kontrollraum der unterirdischen Dwemeranlage.

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