Bronzesoldaten 30

Iareth hatte bisher geschwiegen. Der vorrübergehende Kontrollverlust hatte ein merkwürdiges Gefühl in ihm zurück gelassen. Er hatte kaum gehört was Cyrus und Sagit besprachen, aber als der Rothwardone sich an ihn wandte schreckte er auf. „Wie? Äh, ja. Du meinst wir müssen nochmal rein, das heißt, ich muss nochmal rein und herrausfinden wo sich dieses unirdische Wesen Nachts zum Schlafen legt?“ In seiner Stimme klang Skepsis mit. Cyrus sah ihn an und zuckte mit den Schultern. Iareth seufzte schwer. „Ja, gut, lass uns nochmal darüber reden. Ich bin hundemüde.“

Es brauchte vierzehn Stunden traumlosen Schlaf und eine lange Disskusion am nächsten Tag, bis Iareth sich bereit erklärt erneut die Treppen hinunterzusteigen und nach dem Wesen zu Suchen. Immerhin wusste er jetzt, was ihn in dem dunklen Labyrinth aus Gängen erwartete und er nahm sich vor beim kleinsten Anzeichen von geistiger Umnachtung umzukehren. Doch der Eindruck, den diese alten Ruinen jetzt auf ihn machten, war ein anderer, als am Vortag. Zwar waren es noch immer schmutzige Wände und dunkle Gänge, aber der existenzielle Schrecken, der ihn letztesmal ergriffen hatte blieb aus. Dann und wann bewunderte er sogar die Architektur der alten Dwemer und die fremdartigen Zeichnungen, welche die Wänden schmückten. Seine anfängliche Anspannung löste sich. Zwar blieb er auf der Hut, aber nach einigen Stunden der Suche war er noch nicht wie erwartet zu einem Nervenbündel geworden. Mehrmals war er im Kreis gelaufen oder musste an Sackgassen kehrt machen und dennoch bekam er allmählich ein Gefühl für diesen Ort. Es ähnelte von seinem Aufbau her einer Arbeitsstätte mehr als einem Tempel oder einer Festung. Er hatte das wage Gefühl problemlos zurück zu finden, wenn er umkehren wollte, nur die Verlies-Tür, die sie letztes mal in die Arme der Aureale geführt hatte, blieb auf mysteriöse weise verschwunden. Er prüfte sein Lampenöl und stellte fest, dass er bald den Rückweg würde antreten müssen. In diesem Moment, als der Schein seiner Lampe getrübt war, erhaschte er im Augenwinkel den Eindruck eines anderen Lichtes, sehr schwach, am Ende eines langen Ganges den er bereits untersucht hatte. Vielleicht Cyrus und Sagit, die sich seiner Suche anschließen wollten? Er drehte das Licht seiner eigenen Lampe klein und versuchte den Schimmer im Auge zu behalten. Vorsichtig, Schritt für Schritt näherte er sich der Lichtquelle und jetzt, da er ganz Still war und konzentriert lauschte, vernahm er einen hellen Klang, wie eine Vogelstimme oder, konnte es sein? Gesang?

Endlich erreichte er das Ende des Ganges. Der Gesang war nun deutlich zu hören. Es war eine Frauenstimme, sanft und traurig sang sie in einer Sprache die er nicht verstand. Das konnte nur eine weitere Täuschung der Aureale sein, schoß es ihm durch den Kopf, doch etwas an der Stimme wiederspach diesem Verdacht. Sie klang nicht verführerisch und lockend, sondern menschlich, melancholisch und einsam, wie der sanfte Wind, der kalt und endlos durch diese Gänge strich. Er losch seine Lampe und schob sich um die Biegung des Ganges, um einen Blick auf den Urheber dieses Trauerliedes zu werfen und erblickte in einigen Metern Entfernung den Rücken einer Person in langen Gewändern, die eine bläulich schimmernde Lampe bei sich trug. Lautlos folgte er ihr und merkte kaum, wie seine Anspannung weiter sank und er mehr und mehr der traurigen Melodie lauschte. Schließlich riß ihn ein lautes Kratzen aus seiner Melancholie. Der Gesang erstarb. Er duckte sich. Die Sängerin war an einer glatten Wand stehen geblieben, die nun zur Seite glitt und den Blick in ein erleuchtetes Zimmer freigab. Iareth hielt den Atem an. Die Tür stand weiterhin offen, die Mysteriöse Sängerin war verschwunden. Einen Moment blieb er still hocken, dann tastete er sich weiter vor, so leise wie er konnte, dass Zimmer das sich ihm eröffnete hatte immer im Blick. Formen schälten sich aus dem warmen Licht, Möbel, ein Bett und Bücherregale, unzählige Kerzenständer und ein Teppich aus rot, goldenem Stoff. Er hatte die Tür erreicht und betrachtete das gemütliche Zimmer, dessen freundliche Einrichtung im Wiederstreit mit den kalten, schwarzen Wänden stand.

„Hallo Fremder.“

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